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Der zerrissene arabische Israeli

Sayed Kashua kann sehr witzig schreiben. Im neuen Roman «Lügenleben» tut er es nicht. Denn es geht um eine zutiefst gespaltene Existenz zwischen den zwei Völkern Israels und Palästinas.
Arno Renggli
Schriftsteller Sayed Kashua(Bild: Karl Gabor/Piper Verlag)

Schriftsteller Sayed Kashua
(Bild: Karl Gabor/Piper Verlag)

Der Roman «Lügenleben» von Sayed Kashua verarbeitet Lebensstoff des Autors: Ich-Erzähler Said, Israel-Araber wie Kashua, lebt in Illinois in den USA. Geburtsort von Autor und Romanfigur: Tira in Israel. Nach Jahren reist Said nach Kfar Sabal, nordöstlich von Tel Aviv, nahe der Grenze: ans Sterbebett des Vaters. Dort holt ihn die Vergangenheit ein.

Nur erfundene Episoden

In einem Jerusalemer Altersheim hat er begonnen, als Ghostwriter Memoiren für die Bewohner zu schreiben. Ihr Leben schönt er mit erfundenen grossartigen Episoden – «Lügenleben». In eine böse Krise wirft ihn eine erfundene, gelogene Short Story: Darin hat ein Ich-Erzähler Sex mit einer Frau namens Falestin – das bevor Said eine reale Falestin kennenlernt. Die Familie nimmt die Fiktion für Realität. Herrisch tritt der arabische Familien-Ehre-Popanz auf: Und verlangt eine Muss-Heirat! Und der Vater verstösst Said.

Die Ehe von Said mit Falestin in den USA läuft aber schlecht. Finanziell hängt Said von seiner Frau ab: Hier bekommt er keine Aufträge mehr, fern von seinen Fake-Memoiren-Kunden. Nirgends Halt. Fiebrig erfindet Said an Vaters Spitalbett eine glückliche Kindheit. Es hält nicht vor. «Ich habe all meine schönen Erinnerungen an meine Kunden geschenkt, bis sie alle waren und nur die schlimmsten zurückgeblieben sind.»

Der Zwiespalt im Innern Saids – Falestin ist gleich Palästina, also ein Personengleichnis – korrespondiert mit dem Aussen der seit Jahrzehnten glimmenden oder offen ausbrechenden Konflikte zwischen Israel und Palästina. USA, Israel, Palästina: Dreifach fremd, verstrickt sich Said an Vaters Bett immer wieder in einander überkreuzende innere Monologe. Von Kashua knapp, präzis, plastisch komponiert.

Lange der erfolgreiche Vorzeige-Araber

Der Hebräisch schreibende Sayed Kashua war in Israel lange der erfolgreiche «Vorzeige-Araber». Bis er erkannte, dass er Bürger zweiter Klasse war und blieb. Seine Sitcom «Avoda Aravit» (arabische Arbeit), geschrieben für ein besseres Verständnis der Volksgruppen untereinander, war in Israel ein folgenloser Hit. Mit Frau und Kindern lebt Kashua heute in Illinois, doziert an einer Universität.

Ähnlich wie Franz Kafka mit Josef K. im «Prozess» stellt Kashua mit Said einen unrettbar einsamen Mann vor unsere Augen, unschuldig-schuldig. Die seinsmässige «Schuld», das Arabertum in Israel, deklassiert Said in der Heimat. Und der arabische Vater hatte ja ein absurdes Urteil über den Sohn gefällt – wegen Sex auf dem Papier. Gleich seinem Alter Ego Said kommt Sayed (Kashua) aus der Identitätskrise nicht heraus, dieser im «Heimat-Feindesland» so überaus erfolgreiche Dichter. Sein Roman des tiefen Zwiespalts in Person und Nation, so poetisch wie klar und scharf geschrieben – trifft tief ins Herz der Finsternis, die Palästina und Israel umhüllt.

Sayed Kashua: Lügenleben, Roman, Berlin Verlag, 271 S., Fr. 37.-

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