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Milo Rau im Porträt: Der Weltaufrüttler aus St. Gallen

Milo Rau habe in St. Gallen nur wenige kulturelle Spuren hinterlassen. Deshalb hat der Stadtrat ihm den Kulturpreis nicht gegeben. In der Tat: Milo Rau hat in der Stadt wenige, global aber wichtige Spuren gelegt.
Hansruedi Kugler
(Bild: epa)

(Bild: epa)

Stadtpräsident Thomas Scheitlin legt das Reglement zur Vergabe des St. Galler Kulturpreises streng aus: Entscheidendes Argument sei, «was die Persönlichkeit in der Stadt St. Gallen für die Stadt kulturell geleistet hat». Scheitlin kommt zum Urteil: zu wenig. Er ergänzt: «Was Milo Rau international macht, das ist unbestritten.» Nimmt man Raus einzige grössere Theaterinszenierung in St. Gallen, «City of Change» im Jahr 2011, als Massstab, so mag man tatsächlich leicht enttäuscht sein. Es war eine theatralische Politikaktion zum wichtigen Thema Ausländerstimmrecht, künstlerisch eine Hauruckaktion, eine theatrale Bastelei. Allerdings ist das sieben Jahre her.

Raus Theater ist dringlich und verständlich

Wer Milo Raus Entwicklung in den Jahren seither verfolgt hat, ist beeindruckt: Dieser Regisseur ist unterdessen zu einem der europaweit prägenden und wichtigsten Kulturschaffenden geworden. Einer, der nicht nur wie ein Maniac, wie ein Getriebener und Arbeitswütiger Filme und Theaterprojekte stemmt. Sondern einer, der beiden Kunstformen eine politische Dringlichkeit und Verständlichkeit wieder gegeben hat, die man so lange nicht mehr gesehen hatte. Allerdings hat er kein Stück über die St. Galler Textilvergangenheit geschrieben, sondern thematisiert Migration, Fundamentalismus, Abtreibung, Völkermord, Krieg, Zensur – mit Blick auf Europa, auf die Welt. All dies unter anderem in schockierenden, nachgestellten Gerichtsprozessen und faszinierenden Erzählstücken mit Zeitzeugen.

Gesellschaftliche Wunden von Völkermord bis Abtreibung

So einfach die Grundidee, so packend die Umsetzung. Milo Raus Inszenierungen lassen den gelegentlich übergeschnappten Ästhetizismus des Regietheaters links liegen und erfinden ein Volkstheater im modernsten, aufgeklärtesten Sinn des Wortes: als ambitionierter Stammtisch, an dem die quälenden Fragen unserer sozialen und politischen Existenz diskutiert werden. Niemand lässt das kalt. Er hat den Völkermord in Ruanda thematisiert – als Prozess gegen den Radiosender, der mit Hassaufrufen zum Morden aufgefordert hatte; er hat in Moskau Regimegegner und Staatsanwälte, die sich bis aufs Blut hassen, an einen Tisch setzen lassen; er liess Zeitzeugen aus ganz Europa über entsetzliche Grenz- und Kriegserfahrungen erzählen; er liess die Verteidigungsrede des norwegischen Rechtsextremisten und Massenmörders Anders Breivik von Schauspielern vorlesen. Ob das auf die Theaterbühnen gehört, war einige Jahre auch unter Theaterkritikern umstritten. Manche fanden dies inhaltlich enttäuschend und theaterfern.

«Wo die Politik versagt, hilft nur die Kunst»

Unterdessen herrscht weitgehende Einigkeit: Milo Rau ist einer der wichtigsten Erneuerer des europäischen Theaters. Klar: Sein aktueller Film «Das Kongo Tribunal», in welchem er unter anderem die zynische Ausbeutung in zerfallenen zentralafrikanischen Staaten dokumentiert, kann man als Propaganda für die Konzernverantwortungs-Initiative verwenden. Nur: «Wo die Politik versagt, hilft nur die Kunst», schrieb die Wochenzeitschrift «Die Zeit» über dieses Mammutprojekt mit 60 Zeitzeugen. Ein linker Regisseur? Wer seine Stücke gesehen hat, fällt nicht mehr in dieses Vorurteil. Rau legt den Finger in gesellschaftliche Wunden. An «Die 120 Tage von Sodom», einem Stück über Abtreibung, hätte sogar der Papst Freude gehabt.

Hinweis

Kulturpreis-Diskussion, Sa, 9.6., 18 Uhr, Palace St. Gallen.
mit Sandra Meier, Etrit Hasler und Milo Rau (am Telefon). Moderation: Kaspar Surber

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