Der Welt abhanden gekommen: Das Sinfonieorchester St.Gallen spielt Gustav Mahler

Geburt und Tod bilden Anfang und Ende des Sinfoniekonzerts in der St.Galler Tonhalle.

Rolf App
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Der Bach-Chor St.Gallen singt Brahms’ Nänie.

Der Bach-Chor St.Gallen singt Brahms’ Nänie.

Bild: Benjamin Manser

Seit er im August 2018 als Chefdirigent des Sinfonieorchesters St.Gallen die Nachfolge von Otto Tausk angetreten hat, bringt Modestas Pitrėnas mit Erfolg bisher in der Ostschweiz selten oder nie gespielte Musik zur Aufführung. Das Tonhallekonzert vom vergangenen Freitag unter Beteiligung des von Anna Jelmorini einstudierten Bach-Chors und des Baritons Andrè Schuen bildete da keine Ausnahme. Denn auch das bekannteste Stück – Richard Wagners «Siegfried-Idyll» – erklingt im Konzert nicht allzu oft. Wagner, der 1849 als steckbrieflich gesuchter Revolutionär mit dem Dampfboot von Lindau nach Rorschach geflüchtet war, hatte es als «symphonischen Geburtstagsgruss» für seine zweite Frau Cosima und aus Freude über die Geburt des Sohnes Siegfried komponiert und 1870 in der damals von ihnen bewohnten Villa in Tribschen bei Luzern aufführen lassen.

Strauss: ein besonderes Klangerlebnis

Es ist eine intime, ganz friedvolle Musik, die das Konzert ­eröffnet, bevor in Johannes Brahms’ «Nänie» der Chor zu seinem Einsatz kommt in einem Klagegesang auf den frühen Tod des Malers Anselm Feuerbach, der in seiner Klanglichkeit etwas ausgesprochen Tröstliches hat. Chor und Orchester verschmelzen zu einem sehr schönen Gesamtklang.

Was nach der Pause auffällt: Andrè Schuen braucht weder Noten noch Text, er hat Gustav Mahlers «Fünf Lieder nach Texten von Friedrich Rückert» im Kopf, oder genauer: im Herzen. Denn sein Vortrag ist wunderbar einfühlsam und gut dosiert. Ganz achtsam begleitet ihn das Orchester durch die Lieder, über deren letztes – «Ich bin der Welt abhanden gekommen» – Mahler schrieb: «Das bin ich selbst.»

Erfinder neuartiger Orchesterfarben

«Tod und Verklärung» von Richard Strauss bildet einen deutlichen Kontrast dazu. Bevor er zum Schöpfer zeitloser Opern wird, hat Strauss sich als Komponist mächtiger Sinfonischer Dichtungen einen grossen Namen gemacht. Im Ersinnen neuartiger, gewagter Harmonien und Orchesterfarben übertrifft er alle seine Zeitgenossen, dieses Werk eines 25-Jährigen mit seinen klopfenden Rhythmen und einem spannungsvoll sich aufbauenden Klangerlebnis zeigt es ganz eindrücklich.

Virtuos nutzt Strauss alle Mittel eines gross besetzten Orchesters, bevor er seine Tondichtung zart mit dem Verklärungsthema ausklingen lässt. Immer wieder nimmt Modestas Pitrėnas die Musiker zurück, lässt langsam neue Klangwogen so heranrollen, dass das Orchester auch im wilden Aufbäumen durchhörbar bleibt. Während Wagners Siegfried-Idyll da und dort doch zu wenig intim geklungen hat, gelingt Pitrėnas in «Tod und Verklärung» eine eindrucksvolle, wohl dosierte Steigerung.

Neuer St.Galler Chefdirigent:«Ich freue mich auf den Ehealltag»

Modestas Pitrenas ist seit acht Jahren in St.Gallen immer wieder präsent. Jetzt startet offiziell seine erste Saison als Leiter des Sinfonieorchesters St. Gallen. Leidenschaft und menschliche Konflikte interessieren ihn an der Musik besonders.
Interview: Martin Preisser