Adolf Muschg
«Der weisse Freitag»: Treffen sich zwei Dichter auf der Furka

Adolf Muschg rekonstruiert in«Der weisse Freitag» die Schweizer Reise des 30-jährigen Goethe – und wird persönlich.

Florian Bissig
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Was trieb Johann Wolfgang von Goethe auf den winterlichen Furkapass? Adolf Muschg stellt sich diese Frage in seinem neuen Buch «Der weisse Freitag».

Was trieb Johann Wolfgang von Goethe auf den winterlichen Furkapass? Adolf Muschg stellt sich diese Frage in seinem neuen Buch «Der weisse Freitag».

Alex Spichale

Goethe kämpft sich durch mannshohen Schnee über einen Grat am Furkapass. Es ist November, die Gefahr eines Absturzes oder einer Lawine ist gross. Mit dabei ist kein Geringerer als Goethes Landesfürst Carl August, der Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach. Die Männer reisen von Basel nach Zürich – via Bern, Genf, dem Wallis und den winterlichen Furkapass! Was zum Geier treibt sie zu diesem Abenteuer, bei dem sich der Autor des «Werthers» leicht den frühen Tod hätte holen können?

Das fragte sich auch Adolf Muschg. Seine Antworten hat der Schriftsteller und Germanist in eine Erzählung eingearbeitet, die nach der Passbezwingung am Freitag, 12. November 1779, «Der weisse Freitag» betitelt ist. In kurzen Szenen springt die Erzählung zwischen Goethes Weimar und Muschgs Männedorf hin und her.

Sie rekonstruiert Goethes Situation, bevor er seine Reise antritt, und lässt ihn und sein Umfeld in Schilderungen aus verschiedenen Perspektiven lebendig werden. Besonders interessiert ist Muschg am Duo des damals 30-jährigen Dichters und des acht Jahre jüngeren Herzogs, das trotz mancher Verschiedenheit eine enge Freundschaft verband.

Anspielungen für Eingeweihte

Muschg deutet Goethes Schweizer Reise als Flucht vor seinem Weimarer Leben. Als Minister war er überarbeitet und als Dichter mit grossen Erwartungen konfrontiert. Auch seine Liebe zur verheirateten Frau von Stein mochte Anlass zur Frustration gewesen sein. Seine minuziösen Kenntnisse der Quellen lässt Muschg keinen übergebührlichen Raum einnehmen.

Manche anspielungsreiche Randbemerkung erreicht nur eingeweihte Leser. Und manche trägt eine humorvolle Spitze: «Die nach warmen Betten schnuppernde Unsittenpolizei mancher Goethe-Biographen hat es nicht gefasst. Sie dichtet Goethe ein Alkovenverhältnis mit Anna Amalia an oder gar einen flotten Dreier mit Frau von Stein. Fehlt nur noch der Gangbang mit der scheuen Herzogin Louise.»

Was die Schilderung von mutmasslichen Bettgeschichten angeht, ist Muschg allerdings selbst kein Kind von Traurigkeit. Er versagt sich keine Imagination, wie es der Forstmeister seiner Frau besorgt oder wie sich die Bediensteten einen Quickie gegönnt haben könnten. Allein von Goethes Keuschheit, bis zur Italienreise als Spätdreissiger, ist Muschg überzeugt.

Erlahmendes Tempo

Dazwischen schiebt sich Persönliches in die Erzählung. Der Leser erfährt, wie sich Muschg, während er Goethes Spuren verfolgt, mit Alter und Gebrechen herumschlägt. Nach einem Sturz von der Treppe muss der 82-Jährige am Knie operiert werden und ist danach schlechter auf den Beinen.

Trocken kommentiert er: «Schon in einer Selbsterfahrungs-Gruppe hat man mir 1970 mangelhafte Erdung attestiert, aber bis zur Gleichgewichtsstörung ist sie früher nicht gegangen.» Eine Krebserkrankung lenkt seine Gedanken schliesslich auf das Lebensende. Er bestellt einen Grabstein, und hält fest: «Beihilfe zur Entsorgung kommt nicht in Frage; dafür ist der letzte Atem zu kostbar.»

Muschg hat etwas zu sagen, und wie er es sagt, ist köstlich. Manches ist allerdings allzu lose ins Thema eingebunden und nimmt der Erzählung das Tempo. Erst in der Mitte des Buchs brechen die Weimarer überhaupt zu ihrer Reise auf. Und erst dort, wo sich abzeichnet, dass Muschg seinem Goethe nicht nur denkend und schreibend, sondern real, in Mantel und Winterschuhen, am Furkapass entgegenkommen wird, kommt etwas Bewegung in die Geschichte.

Nun erhellt sich die existenzielle Dimension von Muschgs «unzeitigem Entgegenkommen» nach 237 Jahren. Seine Kräfte gehen zur Neige, er steht an der Grenze des Lebens. Und so ist er auch bei sich, wenn er Goethes Furkaquerung als Herausforderung der eigenen Kräfte und des Himmels deutet.

Der weisse Freitag. Erzählung vom Entgegenkommen Adolf Muschg. C.H. Beck, erscheint heute Donnerstag. Buchvernissage am 6. März, 20 Uhr, Zürich, Theater Rigiblick.

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