Dokumentartheater «Freedom Papers» - der Weisheit vorläufiger Schluss

Eine Frage, tausend Antworten: «Was bedeutet uns Freiheit heute?» Julia Schwartz hat Aussagen gesammelt, zu einer Textcollage gefügt und Musik dazu komponiert. Freitag war Premiere im Staatsarchiv in Frauenfeld.

Dieter Langhart
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Kommt die Freiheit über die Runden? Sängerinnen und Sprecher des Dokumentartheaters «Freedom Papers» im Thurgauer Staatsarchiv. (Bilder: Andrea Stalder, Frauenfeld, 16. Januar 2019)

Kommt die Freiheit über die Runden? Sängerinnen und Sprecher des Dokumentartheaters «Freedom Papers» im Thurgauer Staatsarchiv. (Bilder: Andrea Stalder, Frauenfeld, 16. Januar 2019)

Zehn vor acht. Die Zuschauer nehmen Platz im Seminarraum des Thurgauer Staatsarchivs, weit unter ihnen liegen Tausende von historischen Dokumenten. Murmelnde Stimmen sind aus den Lautsprechern zu hören – englische, japanische, französische –, gehen unter im Gemurmel des Publikums. Es ist aus freien Stücken gekommen, um von der Freiheit zu hören. Nicht weil es zur Freiheit verurteilt ist, wie ­Sartre schrieb, sondern weil ihr Preis die stetige Wachsamkeit ist, wie Thomas Jefferson sagte.

Sartre und Jefferson werden nicht zu hören sein an diesem Abend, sondern Gedanken zur Freiheit, die sich Menschen wie du und ich gemacht haben. Für ihr Projekt «Freedom Papers» hat Julia Schwartz Menschen gebeten, auf diese Frage zu reagieren: «Was bedeutet uns Freiheit heute?» Aus den Antworten – persönlichen wie politischen – hat die Komponistin und Chorleiterin eine Textcollage gewoben und Musik dazu komponiert.

«Freiheit steht eigentlich nicht auf dem Programm»

Julia Schwartz: Konzept, Komposition, musikalische Leitung.

Julia Schwartz: Konzept, Komposition, musikalische Leitung.

Die Aussagen in diesem farbenfrohen Fächer aus ganz unterschiedlichen Freiheiten hat Julia Schwartz weder zensuriert noch verdichtet. Und ebenso individuell geben sich die elf Frauen und vier Männer als Sprecher und Sänger. Grün ist die freiwillig verbindende Farbe: als Bluse, Schal oder Handtasche. Regisseurin Marie Luise Hinterberger lässt den Akteuren Raum und sorgt für eine perfekte Balance zwischen Einzel- und Ensembleauftritten. Keine Szene gleicht der andern, viel Bewegung kommt ins Spiel – da wird deklamiert, proklamiert, durcheinandergewuselt.

Die Frau in Frack und Zylinder (Serena Künzler) stellt die Fragen.

Die Frau in Frack und Zylinder (Serena Künzler) stellt die Fragen.

Und da ist diese Frau. Ganz in Schwarz bis auf die weisse Bluse: Frack, Zylinder, hohe Stiefel. Ist sie ein Zirkusdirektor? Der Teufel? Ein Zauberer? Gar unser Gewissen? Serena Künzler nimmt sich allen Raum, sie rückt dem Publikum auf die Pelle, sie steigt auf einen Stuhl, sie schlägt den Gong. Doch vor allem stellt sie Fragen: Was bedeutet Freiheit für Sie? Für welche Freiheit würden Sie kämpfen? Die Antworten aus der Runde sind mal offensichtlich, mal überraschend, mal ironisch: «Freiheit steht eigentlich nicht auf dem Programm.»

Erst brummt der Kontrabass dazwischen, dann gesellen sich die Geigen, die Bratsche, die Klarinette dazu für die acht Lieder, die das Dokumentartheater musikalisch zusammenhalten und einen wunderbar dichten Kon­trast zum rein gesprochenen Wort bilden. Gleich das erste über die Zeitfresser im Alltag mündet in der Erkenntnis: «Die Freiheit kommt nicht über die Runden.»

Licht und Schatten im ­Erleben von Freiheit

Aussagen wechseln sich munter ab: amerikanische Waffennarren, freie Liebe nach der Wende, künstlerische Freiheit, Konzernverantwortung, Missbrauch der Sprache. Auch kulturelle Unterschiede werden offensichtlich zwischen der Schweiz und den USA, wo Julia Schwartz aufgewachsen ist. Da fallen Sätze wie «Freiheit bedeutet Verantwortung» oder «Ignoranz ist auch ein Menschenrecht», da wird der «Logoizid» besungen, da treffen schlichte Aussagen auf sperrige, da werden Zweikämpfe in Zeitlupe ausgetragen, bis jeder und jede sagt, was Freiheit für ihn oder sie ist. Eine geballte Ladung an Wahrheiten und Meinungen, an Licht und Schatten trifft aufs Publikum, das sich konzentrieren muss und reich an Einsichten in die Nacht entlassen wird.

Sagte nicht Faust zu Mephisto:

«Das ist der Weisheit letzter Schluss: Der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss.»

Weitere Aufführungen: 20.1., 8.–10.2., Fr/Sa 20 Uhr, So 17 Uhr, Staatsarchiv, Frauenfeld