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Im Vergleich dazu wirkt Hochsprache langweilig: Walliser Lyriker schreibt Kurztexte im Dialekt

Rolf Hermanns neue Textsammlung «Eine Kuh namens Manhattan» schöpft mundartlich aus dem Vollen.
Tina Uhlmann
Rolf Hermann: Ruhig, aufmerksam und wortgewandt. Bild: Aline Fournier

Rolf Hermann: Ruhig, aufmerksam und wortgewandt. Bild: Aline Fournier

«Der Walliser Dialekt entspricht ja einer Sprachstufe des Deutschen, an der die Weiterentwicklung zur heutigen Hochsprache vorbeigegangen ist», schreibt Franz Hohler im Nachwort zum neuen Buch von Rolf Hermann. «Deshalb ist sie für uns Üssärschwiizär von einem archaischen Hauch umweht, den wir auch auf die Bevölkerung dieses Kantons projizieren.»

Besonders archaisch wirkt Rolf Hermann selber nicht. Begegnet man dem 46-jährigen Walliser in Biel, wo er wohnt, am Literaturinstitut unterrichtet und 2017 mit dem städtischen Kulturpreis ausgezeichnet wurde, fällt einem nichts Besonderes auf. Im Gespräch dann der Blick: ruhig, sehr aufmerksam. Die Unauffälligkeit und das Auge des Beobachters sind Attribute des Lyrikers, der inkognito die Umgebung scannt, um sie in präziser Verdichtung zu beschreiben.

Vor allem ist er ein guter Zuhörer und Sprachseismograf. So gibt er etwa populärphilosophische Gemeinplätze über das Leben in einem Gedicht wieder, das nur auf den ersten Blick Nonsens ist – bei wiederholtem Lesen erkennt man im Drehen und Wenden von Dingen, die wir Menschen nicht ändern können, Schicksalsergebenheit:

ds läbu isch halt äsoo
das isch där punkt

där punkt isch äsoo
läbu das isch där halt

där halt isch punkt
äsoo das isch ds läbu

(…)

Nicht alle Mundarttexte im seltsamerweise hochdeutsch betitelten Sammelband «Eine Kuh namens Manhattan» sind so leicht verständlich. Deshalb hat Rolf Hermann manche von ihnen zusammen mit der Theaterfrau Ursina Greuel übersetzt. «Ich stelle mir die Lektüre als Pendelbewegung vor», meint er, «vom Walliserdeutschen hinüber zum Hochdeutschen und wieder zurück – oder umgekehrt, aber nicht stumm lesend, sondern laut.»

Der Selbstversuch zeigt: Mit etwas Übung kann man Walliser Dialekt lesen und sogar aussprechen. Dabei machen manche Wörter besonders Spass: «Breitmmüülnashooru» (Bereitmaulnashorn), «Zebunägil» (Zehennägel) oder «blijändu Mattu» (blühende Wiese). Spricht man ganze Sätze aus, spürt man, wie «di Brüsutabllätu schprudlut» (die Brausetablette sprudelt).

Wie langweilig wirkt dagegen die Hochsprache! Zudem gehen beim Übersetzen Bedeutungen verloren. Etwa, wenn die prämierte Kampfkuh Mänhättän eine neue Herausforderung sucht, Psychologie studiert und ihre Bachelorarbeit zum Thema «Das Rind als Schtallmeischtär va schiinum Sälbscht» schreibt. Dann heisst es nebenan formelhaft «Das Rind als Stallmeister seiner Selbst», wobei «das Selbst» als ­psychologischer Fachbegriff nicht mehr erkennbar ist.

Das Selbst des Autors weist feine Facetten auf. Sie zeigen sich in der Vielfalt der Texte, die stimmungsmässig von tiefer Melancholie («Där Troim va du Meijä», Peer-Gynt-Adaption) über zärtliche Zuneigung («Ode anä Gillu»/«Ode an eine Pfütze») bis hin zu blasphemischem Übermut («Unsärhärguntschtag»/«Fronleichnam») reicht. Inhaltlich punktet Rolf Hermann mit Walliser Klischees, was vorhersehbar ist, aber bühnenreife Pointen bringt: «Eine Kuh namens Manhattan» kann man auch live buchen, als Solo-Programm oder mit dem Trio Chäslädeli. En Güete!

Tipp:
Rolf Hermann:
Eine Kuh namens Manhattan
Der gesunde Menschenversand
212 Seiten

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