Der Wachturm in der guten Stube

Von der Stadt ins Wohnzimmer und hinaus in die Natur – Florian Graf bietet den Besuchern der Kunsthalle St. Gallen viel Abwechslung. Den Künstler mit Ostschweizer Wurzeln beschäftigt die sich wandelnde Nutzung von Räumen.

Christina Genova
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Die Kunsthalle St. Gallen hat dank Florian Graf einen Brunnen mit Chromstahlskulptur erhalten. (Bild: Urs Bucher)

Die Kunsthalle St. Gallen hat dank Florian Graf einen Brunnen mit Chromstahlskulptur erhalten. (Bild: Urs Bucher)

ST. GALLEN. Wer beobachtet uns? Betritt man die Kunsthalle St. Gallen, hat man den unheimlichen Eindruck, nicht alleine zu sein. Drei architektonische Elemente, die bis an die Decke reichen, dominieren den ersten Raum. Doch es ist das erste, säulenartige Gebilde, das irritiert, denn in seinem oberen Teil befinden sich zwei mit Spionglas versehene Fenster. Die verspiegelten Scheiben offenbaren nicht, ob sich jemand dahinter verbirgt. Ausserdem ist es nicht zufällig lila gestrichen wie die Betonfassade des Polizeigebäudes gegenüber.

Alltägliche Überwachung

Das Unbehagen, das damit beim Betrachter ausgelöst wird, ist gewollt. Denn Florian Graf, der die Kunsthalle mit «Chamber Music» – Kammermusik – bespielt, so der Titel der Einzelausstellung, denkt in seiner künstlerischen Arbeit bevorzugt darüber nach, wie wir unsere öffentlichen und privaten Räume gestalten und nutzen und welche politischen, psychologischen und gesellschaftlichen Auswirkungen dies hat. Der 34jährige Basler Künstler mit Bürgerort Speicher macht mit diesem unheimlichen Wachturm bewusst, dass die im öffentlichen Raum allgegenwärtigen Überwachungskameras derart vertraut sind, dass sie kein Befremden mehr auslösen.

Farbe und Form im Gleichklang

Weniger hermetisch wirken die beiden anderen Elemente im Raum. Eines erinnert an ein Portal und nimmt mit seiner grünen Farbe die Tönung der St. Galler Sandsteinfassaden auf. Auch diese auf den ersten Blick harmlos erscheinende Form erhält durch den Werktitel «Portal-Gibbet» – Galgen-Portal – einen unheimlichen Anstrich. Das dritte, gelbe getünchte Element hingegen gleicht einer Aussichtsplattform. Farblich wird hier die Backsteinfassade der Kunsthalle zitiert.

Der Spaziergang geht weiter in den nächsten Raum, wir bewegen uns von der Stadt in die gute Stube. Eine Ständerlampe mit altmodischem Schirm und geschwungene Holzstühle an einer langen weissen Tafel markieren bürgerlichen Gemütlichkeit und einen Hauch Nostalgie. Erneut begegnen wir den drei bereits eingeführten Formen, die als dekorative Keramikvasen präsent sind. Der Wachturm steht nun fast auf Augenhöhe mitten auf dem Tisch und mahnt daran, dass sich privater und öffentlicher Raum immer mehr durchdringen und das Zuhause längst nicht mehr den geschützten Ort darstellt, nach dem wir uns nach wie vor sehnen. Durch die Ortungsdienste unserer Smartphones, denen wir freiwillig unseren Standort verraten, gibt es keine Rückzugsmöglichkeiten mehr, man kann uns überall aufspüren. Arbeit und Freizeit vermischen sich zunehmend, wir arbeiten im Homeoffice und sind fürs Geschäft fast rund um die Uhr erreichbar.

Plätschernder Brunnen

Die letzte Station der Ausstellung geht hinaus in die Natur. Doch diese präsentiert sich gezähmt, sie hat bestimmten Zwecken zu dienen. Das bekannte Formen-Trio besteht nun aus glänzendem Chromstahl und zeigt sich von seiner skulpturalen Seite: Das Portal ist zu einer wasserspeienden Brunnenfigur geworden, der Turm wacht neben einem Grabmal, die Aussichtsplattform schmückt ein Blumenbeet. Unsere romantischen Ideale von der Erholung in unberührter Natur entlarvt Florian Graf, der einst Gärtner werden wollte, als Illusion, denn ohne die Annehmlichkeiten der Zivilisation sind wir verloren: Selbst in der entlegenen Berghütte erwarten wir Handyempfang und auf die Skitour gehen wir nur mit Lawinenairbag und -sonde.

Welche Funktionen erfüllen Skulpturen in bestimmten Räumen? Was passiert, wenn man deren Grösse, Farbe und Material verändert? Inwiefern spiegeln wir uns im Raum, der uns umgibt, und er sich in uns? Diese Fragen schweben über Florian Grafs Raum-Trio, das der studierte Architekt speziell für St. Gallen geschaffen hat. Mit Vergnügen flaniert man durch seine durchkomponierte Inszenierung, die einen leicht pädagogischen Anstrich nicht verhehlen kann.

Bis 28.6.