Der Vorarlberger in Berlin

Überraschend haben die Berliner Philharmoniker einen neuen Chefdirigenten gewählt. Überraschend auch der Name: Es ist Kirill Petrenko, der eine enge Beziehung zu Vorarlberg hat.

Rolf App
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Der 43jährige Kirill Petrenko, der die Nachfolge Simon Rattles an der Spitze der Berliner Philharmoniker antritt. (Bild: Ky/Victoria Bonn-Meuser)

Der 43jährige Kirill Petrenko, der die Nachfolge Simon Rattles an der Spitze der Berliner Philharmoniker antritt. (Bild: Ky/Victoria Bonn-Meuser)

Schon einmal haben die Berliner Philharmoniker versucht, einen neuen Chefdirigenten zu wählen – und sind am 11. Mai nach elfstündiger Debatte unverrichteter Dinge auseinander gegangen. Jetzt sind sie erneut zusammen getreten, diesmal ohne die Öffentlichkeit vorher zu informieren. Und sind fündig geworden: Kirill Petrenko heisst der Mann, der sie ab 2018 als Nachfolger Simon Rattles leiten soll. Er ist 43 Jahre alt und momentan Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper. Und: Er ist eine Überraschung.

Der Weg nach Feldkirch

Geboren wurde Kirill Petrenko in Omsk in Westsibirien. Seine Eltern waren Musiker. Früh begann er Klavier zu spielen, setzte sich dann aber in den Kopf, Dirigent werden zu wollen. Die Familie zog 1990 nach Vorarlberg, der Vater nahm im Symphonieorchester die Stelle eines Geigers an. Und der Sohn studierte am Konservatorium in Feldkirch.

Der Operndirigent

Mit dem Symphonieorchester Vorarlberg arbeitet Kirill Petrenko bis heute. Im Zyklus «Mahler 9 × 9» hat er im vergangenen September im Festspielhaus Bregenz Gustav Mahlers 6. Sinfonie dirigiert. Seine Karriere indes hatte sich da schon lange in andere Höhen bewegt. Nachdem er 1995 mit Benjamin Brittens «Let's Make an Opera» in Vorarlberg als Operndirigent debütiert hatte, wurde er in diesem Metier mehr und mehr heimisch. Er wurde Kapellmeister an der Wiener Volksoper, dann Generalmusikdirektor an der Komischen Oper Berlin, schliesslich an der Bayerischen Staatsoper. 2013 und 2014 leitete er in Bayreuth Wagners «Ring des Nibelungen» – und wurde im Unterschied zum Regisseur Frank Castorf nicht ausgebuht, sondern im Gegenteil bejubelt.

Parallel dazu dirigierte er Sinfoniekonzerte, dreimal nur stand er vor den Berliner Philharmonikern. Im Dezember letzten Jahres wäre er erneut gebucht gewesen, meldete sich aber sehr kurzfristig krank.

Angst vor der Kandidatur?

Ob er Angst hatte, weil da die Kandidatenkür der «Berliner» schon vor der Türe stand? Oder ob es doch sein Rücken war? Darüber schweigt Petrenko, der seit Jahren keine Interviews mehr gibt. Doch fortan galt er nicht mehr als Anwärter auf die Rattle-Nachfolge. Im Vordergrund stand vielmehr Christian Thielemann (56), gefolgt von Andris Nelsons (36), Mariss Jansons (72), Gustavo Dudamel (34), Riccardo Chailly (62), Yannick Nézet-Ségiun (40) und Riccardo Chailly (73). An Christian Thielemann soll auch der erste Wahlversuch gescheitert sein.

Der «grosse Schweiger»

Er sei der «grosse Schweiger unter den Dirigenten», beschreibt der Berliner «Tagesspiegel» Kirill Petrenko. An Pressekonferenzen wirke er «auf berührende Weise scheu» – und bescheiden. «Mein Beruf ist es, den Komponisten so gut wie möglich zu vertreten», hat er selber 2002 der Zeitung gegenüber erklärt. Er wird das auch bei den Berliner Philharmonikern so halten, die gemäss «Zeit» als «extrem selbstbewusst, ja notorisch arrogant» gelten. Wie das dann ausgeht, wird man sehen.