Der Vorarlberger aus Sibirien

BREGENZ. Kirill Petrenko ist einer der gefragtesten Dirigenten weltweit. Wer ihn am Pult erleben will, muss derzeit nach München oder Bayreuth reisen. Oder in Vorarlberg leben. Am Wochenende hat Petrenko hier den Zyklus «Mahler 9x9» mit dem Symphonieorchester Vorarlberg fortgesetzt.

Bettina Kugler
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«Anti-Maestro» Kirill Petrenko scheut den Medienrummel. Lieber dirigiert er Mahler für Schüler in Lustenau. (Bild:dapd/Jörg Koch)

«Anti-Maestro» Kirill Petrenko scheut den Medienrummel. Lieber dirigiert er Mahler für Schüler in Lustenau. (Bild:dapd/Jörg Koch)

Seine Künstlerbiographie gibt es in zwei Versionen. Die internationale lautet so: 1972 im westsibirischen Omsk geboren. Studium in Wien, erstes Engagement als Assistent und Kapellmeister an der Wiener Volksoper. Kometenhafter Aufstieg vom Generalmusikdirektor am Theater Meiningen – dort dirigierte Petrenko einen legendären «Ring des Nibelungen» an vier aufeinanderfolgenden Abenden – an die Komische Oper Berlin. Was immer er dort geleitet hat, festigte seinen Ruhm als «Natural born conductor».

«Anti-Maestro», «Ural-Stürmer»

Seither reissen sich die grossen Bühnen und Orchester um Kirill Petrenko, den kleinen, scheuen Mann, der sich seit Jahren Interviews konsequent verweigert. Dreimal in Folge wählten ihn die Kritiker zum Dirigenten des Jahres, obwohl er sich ziert. «Phantom der Oper» nennen sie ihn gerne, «Ural-Stürmer» oder «Anti-Maestro». Bei den Berliner Philharmonikern zählt er zum Kreis der valablen Kandidaten um die Nachfolge von Simon Rattle. Der Intendant der Bayrischen Staatsoper, Nikolaus Bachler, wäre aus dem Amt geschieden, hätte Kirill Petrenko ihm einen Korb gegeben. Das hat er nicht: Seit 2013 ist Petrenko Generalmusikdirektor – und München im Glück.

Im Sommer leitete er den «Ring» an den Bayreuther Festspielen. Will man Gerüchten Glauben schenken, hatte er dort nicht einmal Zeit für einen Fototermin. Lange blieb am Ende des langen Ganges, der von den Proberäumen zum Orchestergraben unter dem Festspielhaus führt, eine Lücke in der Dirigentengalerie. Petrenko vertieft sich lieber in die Partituren.

Karrierestart in Feldkirch

Noch lieber steht er am Pult: gerade und konzentriert, mit jedem einzelnen Musiker in Verbindung. Auch wenn das Orchester so riesig besetzt ist wie am Wochenende im Bregenzer Festspielhaus für Gustav Mahlers 6. Symphonie, die «Tragische». Zwei Harfen, Klavier, Celesta, eine ganze Batterie an Hörnern, Kontrabässen, Schlagwerk. Ein gewaltiger Holzhammer für die Schläge, die «dumpf hallen» sollen, «wie ein Axthieb», so schreibt Mahler in der Partitur.

Rund achtzig Minuten lang lässt das Symphonieorchester Vorarlberg, verstärkt durch Musiker der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz, kein Auge von Kirill Petrenko – den kleinen Mann aus Vorarlberg, der hier am Landeskonservatorium in Feldkirch Klavier studierte und sein Début als Opernkomponist feierte: mit Benjamin Brittens Kinderoper «Let's make an opera» im Jahr 1995.

Medienscheu und bienenfleissig

Das ist die andere, die regionale Version seiner Biographie; im Programmheft für den Mahler-Zyklus «9x9» verbindet sie sich mit der ruhmreichen des jungen, international umworbenen Dirigenten Kirill Petrenko. Der zwar um neugierige Journalisten lieber einen Bogen macht. Aber doch freundlich grüsst, wenn er nach einem Schülerkonzert mit Mahlers Vierter im vorarlbergischen Kleinstädtchen Lustenau als letzter die Treppe ins Foyer herunterkommt und in die Mittagspause geht.

Nicht dass er bei diesem Vormittagsanlass vor ein paar zappeligen Schulklassen aus der Provinz den Clown gegeben und die gewaltige Symphonie locker moderiert hätte: Das überliess Petrenko vor zwei Jahren in Lustenau lieber der Musikvermittlerin Nicole Marte. Doch seinen Mahler dirigierte er ebenso innig und intensiv, als seien gerade im Bayreuther Orchestergraben die roten Lämpchen angegangen – Zeichen für den Dirigenten, dass das Licht im Zuschauerraum aus ist und er anfangen kann mit dem «Rheingold» oder der «Götterdämmerung».

Ein Stück Familiengeschichte verbindet den 42-Jährigen mit dem Symphonieorchester Vorarlberg. Sein Vater nahm 1990 in diesem Orchester eine Stelle als Geiger an und zog mit der Familie von Westsibirien an den westlichen Zipfel von Österreich – weit weg von Wien, Welthauptstadt der Musik. Entscheidend dabei war das zunehmend antisemitische Klima nach Glasnost.

Der ideale Sängerdirigent

Natürlich brachte Kirill Petrenko eine glänzende Ausbildung aus Omsk mit; schon mit elf Jahren war er als Klaviersolist mit dem dortigen Sinfonieorchester aufgetreten. Sein Studium in Feldkirch schloss er mit Auszeichnung ab. Sänger lieben ihn, weil er Orchester zu zügeln weiss; weil er es schafft, die Musiker im Graben kantabel zu führen – und nie lauter als nötig.

In Bregenz war diesmal die Mezzosopranistin Stella Doufexis die Glückliche: Sie konnte zum Auftakt des Abends in den Rückert-Liedern weite, schwebende Bögen spannen, das Zarte und Liebliche kultivieren – in inniger Harmonie mit den Solobläsern, in jener «Atmosphäre ruhiger Kühle», die Mahler beim Komponieren beflügelte. Frei von Sentimentalität jedenfalls, ob nun in «Liebst du um Schönheit» oder im elegischen «Um Mitternacht». Gleichwohl atemberaubend intensiv wie alles, wozu Petrenko den Einsatz gibt.

Mehr als ein «Vergnügen»

«Es ist ein Vergnügen, mit diesem Orchester zu arbeiten», sagt er über die Vorarlberger. 2008 hat er mit ihnen den ganzen Mahler in Etappen angepackt. Es ist auch ein Vergnügen, ihm dabei zuzusehen: Wie er den Klang seiner Vorstellung voraushört. Wie er Details deutlich zeigt, statt sich im Ungefähren zu ergehen. Wie er Tragik und Schönheit modelliert: ohne Posen. Als sei es gigantische Kammermusik. Dieses Hörerlebnis nur ein «Vergnügen» zu nennen – darüber würde der Vorarlberger aus Omsk wohl ratlos den Kopf schütteln und schüchtern lächeln.