Der Tüftler gegen den Playboy

Vor dem Hintergrund des Duells zwischen Niki Lauda und James Hunt um die Formel-1-WM 1976 zeichnet Ron Howard in «Rush» das Porträt zweier gegensätzlicher Charaktere. Spannende Kinounterhaltung, nicht nur für Rennsportfans.

Walter Gasperi
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Mehr als ein Rennfahrer-Duell um die Weltmeisterschaft 1976: James Hunt und Niki Lauda in «Rush». (Bild: Universal Pictures)

Mehr als ein Rennfahrer-Duell um die Weltmeisterschaft 1976: James Hunt und Niki Lauda in «Rush». (Bild: Universal Pictures)

Nürburgring, 1976. Die Startvorbereitungen für den Grand Prix sind in vollem Gange. Im Voice-over blickt Niki Lauda (Daniel Brühl) auf den Formel-1-Zirkus, spricht die permanente Todesgefahr an. Die Motoren dröhnen, doch mit einem Schnitt blendet Ron Howard sechs Jahre zurück.

Gegensätzlich, aber gleichwertig

Erst in der Mitte des Films wird «Rush» zum Rennen am Nürburgring, bei dem Niki Lauda beinahe in seinem Ferrari verbrannte, zurückkehren. Dreh- und Angelpunkt ist dieses Rennen, doch insgesamt kurz gehalten werden die Rennszenen. Der Fokus liegt nicht auf der Action, sondern auf den beiden gegensätzlichen Protagonisten Niki Lauda und James Hunt.

Gleichwertig stellt das Drehbuch von Peter Morgan («Die Queen», «Frost/Nixon») die beiden nebeneinander, wechselt immer wieder die Perspektive und zeigt damit plastisch ihre unterschiedlichen Lebensvorstellungen: Während Lauda ein Tüftler ist, der an den Finessen seines Wagens mitarbeitet, nur an den Erfolg denkt und für andere Menschen nichts übrig hat, geniesst Hunt das Leben in vollen Zügen mit Frauen, Alkohol und Parties. Sie erscheinen zwar als moderne Gladiatoren, werden aber auch als Menschen mit Defiziten gezeichnet. Vor allem Lauda, der wegen seiner Hasenzähne den Spitznamen «Die Ratte» erhielt, agiert fast wie ein gefühlskalter Soziopath. Grösse zeigt der reale Lauda, wenn er sich über den Film und die Darstellung seiner Person begeistert äussert.

70er-Jahre-Flair

Mit bestechendem Detailreichtum in Ausstattung und Kostümen sowie treibender Musik von Hans Zimmer, die durch zeitgenössische Songs angereichert ist, lässt Howard den Zuschauer in die Atmosphäre der 1970er-Jahre eintauchen. Traditionell ist das inszeniert, doch durch eine dynamische Erzählweise, die auch abseits der Rennszenen mit dem Geschwindigkeitsrausch der Formel 1 korrespondiert, erzeugt Howard Drive und fasst mit geschickten Verkürzungen die Anfänge der Karrieren und das Privatleben von Hunt und Lauda zusammen. Nebensächliches wird ausgespart. Die erste Konfrontation 1970 in der Formel 3 und der erste WM-Titel Laudas 1975 werden kurz gestreift. Andere legendäre Fahrer wie Emerson Fittipaldi, Jody Scheckter oder Jacky Ickx werden nebenbei erwähnt; einzig Clay Regazzoni kommt als Laudas Teamkollege bei Ferrari als Figur vor.

Furiose Kamera, starkes Spiel

Im Zentrum steht die WM-Saison 1976. Auch hier werden im Schnellverfahren die ersten Rennen abgehandelt, um sich ausführlicher den Ereignissen am Nürburgring, dem Comeback Laudas nur sechs Wochen später in Monza und dem dramatischen Final beim Regenrennen in Japan zu widmen.

Ron Howard war sich wohl bewusst, dass man Autorennen, die wie Fussballspiele auch von der Dauer und taktischen Manövern leben, nicht wirklich packend in einen Spielfilm einbauen kann. Statt den Rennverlauf akribisch nachzuzeichnen, erzeugt er durch Reporterstimmen Dramatik und schneidet im Stakkato aus spektakulären Perspektiven zu Detailansichten. Hautnah ist man dabei, wenn die Kamera von Anthony Dod Mantle unmittelbar hinter den qualmenden Auspuffen, im Motor oder wieder hinter dem Lenkrad positioniert ist. Dann blickt sie in den Seitenspiegel oder vermittelt durch den Helm die Fahrerperspektive.

Manches mag nicht ganz den historischen Tatsachen entsprechen, aber Peter Morgans Zuspitzungen sind dramaturgisch klug. Nichts lenkt den Blick von den hervorragend besetzten Protagonisten ab. Der blonde und athletische Chris Hemsworth ist schon rein physisch der ideale Typ für den Playboy Hunt, und Daniel Brühl hat sich mit sichtlichem Vergnügen – aber wohl auch hohem Arbeitseinsatz, der ganz der Lebenseinstellung seiner Figur entspricht – in seine Rolle versetzt und sich bestechend Laudas Sprechweise angeeignet.

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