Diese Kunst hebt ab – den Boden braucht sie (fast) nicht

Zum 90. Geburtstag wird die Künstlerin Erica Pedretti endlich in Chur gezeigt. Kreativ ist auch die Inszenierung im Bündner Kunstmuseum.

Sabine Altorfer
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Beschwingt und luftig: Diesen grossen «Doppelflügel» schuf Erica Pedretti 1981.

Beschwingt und luftig: Diesen grossen «Doppelflügel» schuf Erica Pedretti 1981.

Bild: Bündner Kunstmuseum

Diese Frau hätte wohl gerne abgehoben. Sich mit Flügeln in die Luft geschwungen, ein paar Flügelschläge lang die Wolken mit ihren weichen Formen umkreist. Anders kann man sich die mächtigen und doch zarten Flügel, die fragilen Vogelobjekte, die schwebenden Segel, die Knäuel-Wolken von Erica Pedretti nicht erklären.

Ein Luftibus oder eine Schwärmerin ist Pedretti aber nicht. Auch in ihren vielfach ausgezeichneten Romanen bleibt sie stets nahe am realen Leben. Aber Poesie – karg und doch beschwingt – prägt ihr bildhauerisches und zeichnerisches Werk. Gesehen hat man es selten. Am kommenden Dienstag wird Erica Pedretti 90. Das sei aber nicht der Anlass für die Ausstellung im Bündner Kunstmuseum, sagt Direktor Stephan Kunz. «Anlass ist das Werk. Das soll man sehen, neu sehen.»

Erica Pedretti 2013

Erica Pedretti 2013

Lukas Lehmann / KEYSTONE

Der Trick mit dem Raum

Wie aber können die oft kleinen, verspielten Objekte im überhohen, strengen Raum des Museums zur Geltung kommen? «Es ist unvorstellbar, die Objekte von der Museumsdecke hängen zu lassen», sagt Kunz. Also hat er sich bei der Künstlerin Katalin Deér und dem Architekten Lukas Furrer Hilfe geholt. Mit metallenen Traversen und Pavillons, mit tiefer gelegten Tischen haben sie das Gerüst für eine passende Präsentation gebaut. Nun kann man frei zwischen den Mischwesen aus Zoologie und Mechanik, aus Fantasie und Bastellust spazieren.

Traversen aus Stahl machen das Hängen der Objekte möglich.

Traversen aus Stahl machen das Hängen der Objekte möglich.

Kunstmuseum Chur

Man staunt, dass die Objekte aus Draht und Papier, aus Ästchen und Gips, aus Ton und Farbe überhaupt noch existieren. «Sie sind erstaunlich stabil», sagt Katalin Deér. Die meisten stammen aus den 1970er- und 1980er-Jahre, atmen den Geist der Zeit. Das Material verweist auf die Arte povera, auf den Willen der Zeit, aus Alltag, Abfall und industrieller Ware, Kunst entstehen zu lassen. Zum anderen war es auch die Zeit, in der eine neue Innerlichkeit sich den lauten Tönen der Popwelt entzog.

Erica Pedretti war damals schon über 40 Jahre alt. Geboren wurde sie 1930 im tschechischen Sternberg, das sie 1946 als Mitglied er deutschsprachigen Bevölkerung verlassen musste. In Zürich lernte sie Silberschmiedin, lebte einige Jahre bei ihren in die USA emigrierten Eltern und kam – wegen ihres Mannes Gian Pedretti – zurück in die Schweiz, nach Celerina. Mit Zinn und Silberarbeiten verdiente das Künstlerpaar den Lebensunterhalt für sich und die fünf Kinder. Auf einem Tischchen sind diese frühen Preziosen zu sehen. Erst nach dem Umzug 1974 nach La Neuveville am Bielersee entstand das plastische Werk. Wie braunes oder gelbliches Pergament spannen sich verleimte Papiere oder mit Latex verfestigte Stoffe zwischen den Gestängen zu Flügeln auf. Sie sind nicht als in sich bewegliche Objekte gebaut. Zum Fliegen taugen sie nur in unseren Gedanken.

In ihren Zeichnungen finden sich menschliche Figuren, Vögel, abstrakte Gespinste oder farbige zersplitterte Weltbilder: Werkskizzen für die plastische Arbeit sind selten. Die Objekte scheinen vielmehr in einem improvisierenden Prozess entstanden. Wo begann das Zusammensetzen der Äste zu knäueligen Wolken, wo die an eine dreibeinige Figur erinnernde Plastik aus Holzstecken? War zuerst das sich spiralig windende Dreifach-Segel oder der mit Vogelfederchen besteckte, lang gestreckte Körper?

Nur ein Werk im Bündner Kunstmuseum

Die Künstlerin lässt das offen, auch Titel gibt sie keine. «Objet à suspendre» heissen die meisten. Was aber nicht bedeutet, dass man sie aufhängen muss, sondern sie auch auf einen Tisch legen oder auf einen Sockel montieren kann. Freiheit und Raum geben, mit leichtem Kopf und geschickten Händen Form werden lassen – das ist der Kern dieser Arbeit. Schade, ist in Chur das Thema der Türme und Säulen weggefallen, eine doch über Jahre betriebene Arbeit der Künstlerin.

Ihr Werk erklären mag Erica Pedretti nicht. Auch das Einrichten überliess sie dem Team. «Ich habe gemacht, jetzt seid ihr dran», rapportierte Museumsdirektor Kunz – und ist selber gespannt auf die Reaktion der Künstlerin auf die Ausstellung.

Dieser Flügel ist das einzige Werk von Erica Pedretti in der Sammlung des Bündner Kunstmuseums.

Dieser Flügel ist das einzige Werk von Erica Pedretti in der Sammlung des Bündner Kunstmuseums.

Kunstmuseum Chur

Für die Vernissage reist Erica Pedretti aus Celerina an, wo sie und Gian seit 2014 wieder leben. Die Pedrettis sind als Engadiner quasi Hauskünstler für das Bündner Kunstmuseum. Wobei das Haus von Erica Pedretti nur gerade ein einziges Werk besitzt: einen grossen, bräunlichen Flügel. «Man werde sich um weitere Werke bemühen», versprach Kunz. Gut so, diese Künstlerin und ihr Werk verdienen es, bewahrt und gezeigt zu werden.

Erica Pedretti. Fremd genug. Kunstmuseum Chur, 22. Februar bis 7. Juni.