Der Tod kam Grass dazwischen

Heute erscheint posthum Günter Grass' letztes Buch. In «Vonne Endlichkait» wird ein Blick in das Leben des im April verstorbenen Literaturnobelpreisträgers gewährt. Sein Verleger Gerhard Steidl deutet weitere Werke an.

Roland Mischke
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Am 13. April gestorben: Günter Grass. Sein letztes Buchprojekt lag damals schon beim Verleger. (Bild: ap/Jens Meyer)

Am 13. April gestorben: Günter Grass. Sein letztes Buchprojekt lag damals schon beim Verleger. (Bild: ap/Jens Meyer)

In seinem 87. Lebensjahr war Günter Grass immer noch der energiegeladene, politisch engagierte und um kein letztes Wort verlegene Zeitgenosse. Sein letztes Buch «Vonne Endlichkait» aber, das an diesem Freitag mit einer Startauflage von 50 000 Exemplaren in den Buchhandel kommt, gewährt einen etwas anderen Blick in sein Leben. Die Zipperlein des Alters plagen ihn, er führt Selbstgespräche, klaubt noch einmal seine Liebesbriefe, die er an viele Frauen schrieb, mit denen er zehn Kinder zeugte, zusammen, und geht noch mal die Eifersuchtsdramen durch, die sein Liebesleben bestimmten, aber auch die Glücksmomente jeder Art, die ihn zeitlebens berauschten.

Bewegende Lesung der Tochter

Plötzlich steht auch die Frage nach Gott im Raum, das eigene Sterben wird bedacht und das, was danach kommen könnte. Deshalb gab Grass seinem Buch in pressischer Mundart den Titel «Vonne Endlichkait», ins Hochdeutsche übersetzt «Von der Endlichkeit». Als der Sohn einer Danziger Kaufmannsfamilie das fertige Manuskript an seinen Verlag geschickt hatte, ging es nur noch darum, das Buch mit dem Steidl Verlag druckfertig zu machen.

Der Tod kam dazwischen. Am 13. April 2015 starb Grass an einer Infektionskrankheit. Was wäre das für eine Wonne gewesen, hätte er selbst aus dem Buch vorlesen können. Der Nobelpreisträger für Literatur (1999) war ein begnadeter Leser, das Werk hätte auf Tonträger eingespielt werden können. Doch es war zu spät. Grass' Tochter Helene hat im Juni erstmals aus dem letzten Buch des Vaters in Göttingen gelesen, es soll eine bewegende Matinee gewesen sein.

Auch den Umschlag von «Vonne Endlichkait» hat Günter Grass selbst gestaltet, wie bei allen seinen Büchern. Er war mit keiner Literaturagentur verbunden, machte lieber – bis ins hohe Alter auch als Bildhauer, Grafiker, Maler und Zeichner tätig – alles nach eigenem Gusto und wollte sich nicht hineinreden lassen.

Weitere Bücher könnten folgen

In die Gestaltung der 176 Seiten an Geschichten und Miniaturen war Günter Grass bis zuletzt eingebunden. Sein Verleger Gerhard Steidl, dessen Verlag die Weltrechte am Werk von Grass besitzt, sagt, der Autor sei «stets fordernd, aber nicht anstrengend» gewesen.

Zugleich kündigte der Verleger an, dass sich im Nachlass noch weitere Manuskripte befänden, vor allem Lyrik. «Da gibt es noch einiges zu entdecken», so Steidl. Das letzte Buch von Grass könnte nur ein vorletztes sein.

Sarg noch selbst bestellt

Dieses jetzt erscheinende Buch ist ein Experiment. Der Verlag wirbt, Grass habe «in einem beeindruckenden Wechselspiel aus Lyrik, Prosa und Illustration sein letztes Gesamtkunstwerk» geschaffen. Neben pointierten Gedichtzeilen ist es eine rhythmisierte Kurzprosa, die das Buch bestimmt. Unter anderem schildert der notorische Pfeifenraucher im Text «Worin und wo wir liegen werden» in seinem ganz eigenen Humor eher deftiger Art, wie ihn Altersbeschwerden quälen. Er hat einen zweiten Herzschrittmacher erhalten, aber der verweigert ihm seine Dienste. Die Lunge gilt nach jahrzehntelangem Rauchen als durchlöchert. Grass beauftragt einen Tischler, Särge für ihn und seine Frau anzufertigen. Zum Probeliegen lässt er sie anliefern. «Wie seltsam, jeweils den Atem des anderen zu hören», heisst es. Ute Grass bedauert nach der Prozedur, kein Foto vom Gatten in der Kiste gemacht zu haben. «Du sahst so zufrieden aus», lässt Grass seine Frau in seiner Erzählung sagen.

Günter Grass: Vonne Endlichkait. Steidl Verlag, 176 Seiten, Fr. 33.90

Günter Grass: Vonne Endlichkait. Steidl Verlag, 176 Seiten, Fr. 33.90