Der Tod bekommt etwas sehr Zartes

Der Tablater Konzertchor St. Gallen bot in der Kirche St. Maria-Neudorf ein Programm mit überzeugendem inneren Zusammenhang und in beeindruckender Aufführung. Das Requiem von Victoria und eine Bach-Motette sind nochmals in Wolfhalden zu hören.

Charles Uzor
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Beeindruckte mit Barock und Renaissance: Der Tablater Konzertchor St. Gallen. (Bild: Urs Jaudas)

Beeindruckte mit Barock und Renaissance: Der Tablater Konzertchor St. Gallen. (Bild: Urs Jaudas)

Mit der Aufführung von Tomas Luis de Victorias Requiem und der Bach-Motette «Jesu meine Freude» brachten Ambros Ott und sein engagierter Chor zwei Meisterwerke zum Klingen, deren sanfte Wucht das Publikum zu vertiefter Auseinandersetzung motivierte. Otts Interpretation machte deutlich, wie geistig verwandt die Werke sind, trotz ihrer zeitlichen und stilistischen Differenz. Durch die Betonung dieser Verwandtschaft wurden die Unterschiede des Klanggefühls faszinierend bewusst.

Innenschau im Klang

Victoria schrieb das Requiem 1603 für die spanische Kaiserin als letztes Werk. Bachs Motette entstand wohl 1723 in seiner Leipziger Periode. In Otts Interpretation wird die katholische Drastik gezähmt, der Tod bekommt etwas unendlich Zartes. Im Klang liegt weniger die aus heutiger Sicht schwer verständliche lutherische Weltflucht, sondern eine Innenschau, woran sich die Aufführung behutsam und mit leiser Konsequenz nähert. Als Hörer wird man geradezu gezwungen, die ineinander verzahnten Werke aus ihrer gemeinsamen Tiefe heraus zu begreifen und in eine Religiosität einzutauchen, für die Ott Martin Buber als verbindenden dritten Wegbegleiter nimmt.

Die instrumental-stilistische Brücke der Gambenwerke Hayne van Ghizeghems, Diego Ortiz' und Antonio de Cabòns wäre nicht nötig gewesen, schön klangen die Stücke trotzdem. Das empfindsame Spiel (Bettina Messerschmidt, Violoncello piccolo; Marie-Louise Dähler, Orgel; Francisco Obieta, Gambe und Violone) trägt durch zwei Gambensätze Bachs. Störend wirken einige Intonationstrübungen und agogischen Unsicherheiten der Streicher.

Wundervoll singt der Tablater Konzertchor, der, sorgfältig auf jede kleinste melodische Erhebung reagierend, die ganze Palette der leisen Klangnuancen austariert und die Klänge gleichsam von innen ausleuchtet. Die Intimität dieser Aufführung gründet weniger in einer klanglichen Transparenz, sondern in der pastosen Patina, die in dieser Musik einen introvertierten Lebensausdruck spiegelt.

Aus einem Guss

Allerdings fallen, besonders in den Fugen Bachs, dieser reizvollen Interpretation Fokus und rhythmische Artikulation, Verflechtung der Stimmen, manchmal auch die Intonation der Spitzentöne zum Opfer. Der Gewinn ist aber viel grösser. Eindrücklich der Glanz im ersten Introitus, das ruhevolle Atmen im «Kyrie», die Kraft des «Sanctus», lupenreine Schlüsse und manche wunderschön aus einem Guss empfundene gregorianische Choralteile.

In Bachs vier letzten Motettensätzen zeigt der Chor, gestützt von den Bassstimmen, Leichtigkeit. Wunderbar auch, wie innig der Sopran Bachs «Gute Nacht, ihr Wesen» verziert, während der Alt den Cantus firmus antönt. Musik wie letzte Worte vor der Schwelle zum Unaussprechlichen.

Nochmals: So, 2.3., evang. Kirche Wolfhalden, 17 Uhr

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