«Der Thurgau bedeutet für mich das Zeitlose»

Die Thurgauer Theater- und Filmschauspielerin Lotti Happle spielt in der neuen Produktion «Die grüne Katze» des Jungen Schauspielhauses Zürich mit. Sie spricht über Regisseure und «MusicStar», über Hysterie, Perfektionismus und Ausgleich und verrät, ob sie die Stadt oder das Land vorzieht.

Dieter Langhart
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Lotti Happle in den Proben zu «Die grüne Katze». (Bild: Junges Schauspielhaus Zürich/Toni Suter)

Lotti Happle in den Proben zu «Die grüne Katze». (Bild: Junges Schauspielhaus Zürich/Toni Suter)

Wie hat der heutige Probentag begonnen?

Lotti Happle: Ich stehe immer früh auf, ich brauche diese Zeit, meine Gedanken zu sammeln. Frühstücken ist ein wichtiges Ritual. Dann fahre ich mit dem Velo ins Theater.

Was steht heute an?

Happle: Zuerst proben wir einzelne Szenen und besprechen sie, dann folgt ein Durchlauf wie jeden Tag in der Endphase. Dafür versetze ich mich mental in meine Figur hinein: Was/wie ist die Situation, die Haltung und das Ziel?

Wie nah ist Ihnen die Figur?

Happle: Nicht sonderlich. Obwohl natürlich immer ein Teil von mir selbst in die Figur fliesst. Aber es ist spannend, sich neues «Figurenmaterial» anzueignen.

Sie spielen Roxana, die Freundin der Hauptfigur Bianca. Was für eine Person ist Roxana?

Happle: Sie ist ziemlich unsicher. Auf den ersten Blick erschien sie mir oberflächlich, sehr von sich überzeugt. Aber weil ihre beste Freundin fehlt, wirkt Roxana amputiert, verliert ihren Stand, da die Freundschaft sehr symbiotisch war. Diesen Widerspruch finde ich spannend.

Haben Sie die Figur selbst wählen können?

Happle: Nein. Sobald Regisseur Enrico Beeler wusste, wer bei dieser Produktion mitmacht, hat er die Figuren besetzt.

Lässt der Regisseur Ihnen eine lange Leine?

Happle: Zuerst lang, dann wird sie kürzer.

Hätten Sie lieber Bianca gespielt?

Happle: Nein, Roxana passt zu mir. Die Figur hat viele spannende Facetten, die mich herausfordern.

Lieben Sie das Partnerspiel?

Happle: Es ist reizvoller für einen Schauspieler, wenn er sich Dinge vom andern nehmen kann.

Wie alt ist die Idee der Schauspielerei?

Happle: Uralt. Ich sagte mir immer, ich werde Krankenschwester oder Schauspielerin. Ich habe 2007 bei Leopold Huber am See-Burgtheater in Kreuzlingen angefangen, in «La Strada».

Davor haben Sie bei «MusicStar» mitgemacht. Warum?

Happle: Gute Frage. Nach Österreich geriet die Schweiz in diesen Wahn. Es war ein komplett neues Format, und ich geriet mit meiner gewissen ländlichen Naivität da hinein. Fand es cool, wollte es auch versuchen. Und dann kam ich weiter, ohne zu wissen, welche Spätfolgen die Casting-Show für mich haben könnte.

Hatte sie denn Spätfolgen?

Happle: Mir fiel es schwer, mit dieser Hysterie umzugehen. Sie kippte auch ins Negative – du wirst zur Zielscheibe. Ich war ja auch erst sechzehn damals. Jetzt finde ich Casting-Shows ziemlich primitiv, sie sind eine Maschinerie, die Stars hervorbringt; das ist so schnelllebig. Die Authentizität, von der dauernd die Rede ist, geht flöten.

Ich höre bei Ihnen Skepsis heraus.

Happle: Gewiss. Es gibt Leute, die das geniessen, die damit besser umgehen können. Ich strebe das überhaupt nicht an.

Sind Sie eine gewissenhafte und zielstrebige Schauspielerin?

Happle: Ja. Ich habe einen Hang zum Perfektionismus – was nicht immer positiv ist. Aber ich würde mich nie um jeden Preis aufopfern wollen. Mir ist mein Privatleben auch wichtig.

Wie und wo finden Sie Ausgleich?

Happle: Beim Sport, in der Natur, an der frischen Luft. Der Thurgau ist die ideale Quelle.

Sind Sie oft im Thurgau?

Happle: Selten, vielleicht einmal pro Monat. Da wohnen meine Eltern, meine Geschwister.

Alte Freunde?

Happle: Nur noch wenige, dafür sind sie sehr präsent.

Lieber Stadt oder Land?

Happle: In der Stadt – ich wohne seit eineinhalb Jahren am Schaffhauserplatz – ist alles nah, das Kulturangebot ist enorm, da sind mehr Freunde. Der Thurgau bedeutet für mich die Ruhe, das Ewige, das Zeitlose; da fühle ich mich ausgewogen.

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