Der Tag, an welchem alles begann

Was hält die Welt im Innersten zusammen? Was ist Zeit? Was ist Geld? In ihrer ersten Einzelausstellung im Kunstmuseum St. Gallen widmet sich Alicja Kwade grossen Fragen unserer Existenz mit berückender Leichtigkeit.

Christina Genova
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Alicja Kwades Pendel hinterlässt im Oberlichtsaal des Kunstmuseums St. Gallen eine leuchtende und tönende Spur. (Bild: Ralph Ribi)

Alicja Kwades Pendel hinterlässt im Oberlichtsaal des Kunstmuseums St. Gallen eine leuchtende und tönende Spur. (Bild: Ralph Ribi)

Der Oberlichtsaal des Kunstmuseums St. Gallen liegt im Dunkeln, es ist kühl. Ein einziges Licht schwingt im Raum, begleitet von einem bedrohlich wirkenden Rauschen. Alicja Kwade hat für diese faszinierende Installation eine Glühbirne und ein Mikrophon an einem Stahlseil befestigt, das von einem Motor an der Decke bewegt wird. Vorbild dafür ist das berühmte Foucaultsche Pendel, mit welchem Léon Foucault einst bewiesen hat, dass die Erde sich im Verlaufe eines Tages einmal um sich selber dreht.

Leben im Hier und Jetzt

Alicja Kwade geht es bei der Installation nicht in erster Linie um die Nachstellung eines historischen Experiments, sondern um die Frage, wo wir, die Betrachter, in Raum und Zeit stehen. Die in Polen aufgewachsene und heute in Berlin lebende Künstlerin setzt sich in ihrer ersten musealen Einzelausstellung mit den grossen philosophischen Fragen unseres Daseins auseinander. Dies klingt schon im Titel «Warten auf Gegenwart» an: «Gegenwart ist das einzige, was wir physisch erleben können», sagt Alicja Kwade. Trotzdem lässt uns die Vergangenheit manchmal nicht los oder wir warten auf eine bessere Zukunft, anstatt im Hier und Jetzt zu leben.

Was ist Zeit?

Unaufhaltsam vergeht die Zeit, auch unsere eigene Lebenszeit. Tick, tack – erklingt es aus dem ersten Ausstellungsraum, wie um uns daran zu erinnern. Ein riesiger, stählerner Trichter, der schon ein bisschen Patina angesetzt hat, liegt mitten im Raum. In dessen Innern hat Alicja Kwade ein mechanisches Uhrwerk angebracht. Das Objekt trägt den Titel «Der Tag ohne Gestern». Es ist die Stunde Null, der Moment des Big Bang, dem die Künstlerin damit eine überzeugende Form gibt. Sie schliesst auch die Frage nach dem Göttlichen mit ein und fragt rhetorisch: «Wer hat damit angefangen, das Uhrwerk aufzuziehen?» Die Frage nach dem Anfang und Ende alles Irdischen, aber auch danach, was die Welt im Innersten zusammenhält, steht auch über den vier Vitrinen im südlichen Seitensaal. Darin befinden sich auf die Grösse von Sandkörnern zerkleinert und fein säuberlich in Einmachgläser abgefüllt, die einzelnen Bestandteile einer Kaminuhr, eines Velos, einer Lampe und eines Radios – Marke Alicja. Bei der Kaminuhr sind das unter anderem fünf Gläser Holz, ein Glas Stahl und ein halbes Glas Messing. Gegenstände zu zerkleinern, die ihr gehörten, war für die Künstlerin naheliegend, aber, wie sie sagt, auch «emotional schwierig». Den willkürlichen Wert der Dinge demonstriert eindrücklich eine fünfteilige Bodenarbeit. Von Januar bis September 2014 kaufte Alicja Kwade zu fünf zufällig bestimmten Zeitpunkten sieben verschiedene Metalle wie Aluminium, Zink oder Blei im Gegenwert von fünf Gramm Gold. Die Metalle präsentiert die Künstlerin in Form von übereinander gestapelten Platten. Die sich ständig verändernden Weltmarktpreise spiegeln sich in den variierenden Formaten. «Es ist eine Realität, die wir selbst bestimmen», sagt die Künstlerin. Auf den symbolischen Wert des Geldes hinweisen soll auch die Arbeit «Transstellarer Handel und übliche Geschäfte», die aus einem roten Teppich und darauf gestreuten Euromünzen besteht. Doch bleibt dies hier nicht ganz nachvollziehbar.

Insgesamt gelingt es Alicja Kwade jedoch mit bemerkenswerter Leichtigkeit, mit ihren Werken Denkanstösse zu komplexen Themen zu liefern.

Bis 15.2.15, www.kunstmuseumsg.ch

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