«Der Stoff steht bei mir immer am Anfang»: Wie sich der Akris-Designer Albert Kriemler von einer rumänischen Künstlerin inspirieren liess

Das Kunstmuseum St.Gallen zeigt die erste Schweizer Retrospektive der rumänischen Avantgardekünstlerin Geta Brătescu. Eine Begehung mit dem Kreativdirektor des St.Galler Modeunternehmens Akris.

Christina Genova
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Albert Kriemler führt durch die Ausstellung «L’art c’est un jeu sérieux» im Kunstmuseum St.Gallen. Rechts oben die Collageserie «Linia».

Albert Kriemler führt durch die Ausstellung «L’art c’est un jeu sérieux» im Kunstmuseum St.Gallen. Rechts oben die Collageserie «Linia».

Bild: Michel Canonica (7. Juni 2020)

Es war das leuchtende Pink, das Albert Kriemlers Interesse weckte. Der Kreativdirektor des St.Galler Modeunternehmens Akris war unterwegs an der Documenta 2017 in Athen, wo er «Linia», eine fünfteilige Serie mit geometrischen Collagen der rumänischen Künstlerin Geta Brătescu entdeckte. Nicht nur der ungewöhnliche Rosaton war seinem geschulten Auge aufgefallen, sondern auch, dass die schwarzen Linien, die Brătescu damit kombiniert hatte, nicht gezeichnet, sondern geklebt waren. Sie bestehen aus Stäbchen, welche die Künstlerin zum Umrühren des Kaffees benutzte.

Kriemler sagt:

a«Geta Bratescu hatte einen ganz eigenen Sinn für Farbe.»
Das fliessendes Kleid aus der Akris-Sommerkollektion 2019 zitiert die Collageserie «Linia» von Geta Brǎtescus.

Das fliessendes Kleid aus der Akris-Sommerkollektion 2019 zitiert die Collageserie «Linia» von Geta Brǎtescus.

PD/Akris

Er führt durch die Ausstellung «L’art c’est un jeu sérieux» im Kunstmuseum St.Gallen. Dass diese erste Retrospektive Brătescus in einem Schweizer Museum zu Stande kam, ist den guten Beziehungen zu Ursula Hauser zu verdanken: Die Galerie Hauser & Wirth vertritt den Nachlass der Künstlerin. Einer breiteren, kunstinteressierten Öffentlichkeit ist das Schaffen dieser wichtigen rumänischen Avantgardistin erst seit wenigen Jahren bekannt.

Albert Kriemlers Interesse war nach dem Documenta-Besuch geweckt und er begann, zu recherchieren:

«Je besser ich Geta Bratescus Werk kennen lernte, desto mehr fühlte ich mich ihr verbunden.»
Albert Kriemler mit Geta Bratescus Selbstporträt von 2011, das ihn zu mehreren Entwürfen inspirierte.

Albert Kriemler mit Geta Bratescus Selbstporträt von 2011, das ihn zu mehreren Entwürfen inspirierte.

Michel Canonica

Kriemler besuchte sie Anfang 2018 in ihrem Bukarester Atelier und fragte sie, ob sie mit einer Zusammenarbeit einverstanden wäre. Die Künstlerin sagte zu, und daraus entstand die Akris-Sommerkollektion 2019. Brătescu erlebte das Resultat der Kollaboration leider nicht mehr: Zehn Tage vor der Präsentation Ende September 2018 starb die 92-Jährige.

Selbstporträt mit Schreibmaschine von 1980) («Doamna Oliver in Costum de calatorie»).

Selbstporträt mit Schreibmaschine von 1980) («Doamna Oliver in Costum de calatorie»).

Michel Canonica

Es ist nicht das erste Mal, dass Kriemler sich für seine Entwürfe von Architektur und Kunst inspirieren lässt: Er hat auch schon mit dem Fotokünstler Thomas Ruff oder den Basler Architekten Herzog & De Meuron zusammengearbeitet. Der Respekt, den Kriemler der künstlerischen Arbeit Brătescus entgegenbringt, zeigt sich im direkten Vergleich: Seine Entwürfe sind eine Hommage an ihre Kunstwerke.

Gemeinsamkeiten zwischen der Künstlerin und Kriemler gibt es viele. Der Designer zeigt auf eine kreisrunde Collage aus Zigarettenpapier: «Sie konnte mit jedem Material arbeiten.» Bei ihm ist ebenfalls das Material Ausgangspunkt für jeden seiner Entwürfe:

«Der Stoff steht bei mir immer am Anfang.»
«Fără titlu» – ein Vogel aus Abendhandschuhen.

«Fără titlu» – ein Vogel aus Abendhandschuhen.

Bild: Michel Canonica
Das Selbstporträt wird zum Cape aus Doubleface-Kaschmir.

Das Selbstporträt wird zum Cape aus Doubleface-Kaschmir.

PD

Auffallend viele Arbeiten Brătescus entfalten eine textile Wirkung: Für «Fără titlu» hat sie aus den Abendhandschuhen ihrer Mutter und farbigem Papier einen Vogel collagiert. Es ist eines der Motive, die direkt in die Kollektion eingeflossen sind.

Eine weitere der farbenfrohen Collagen, die ihr Alterswerk auszeichnen, ist in den Entwürfen Kriemlers ebenfalls sehr präsent: Das witzige Selbstporträt von 2011, das aus zwei grossen, blauen Augen und einem rot geschminkten Mund besteht, hat ihn nicht nur zu einer Handyhülle, sondern auch zu einem fliessenden Cape aus Doubleface-Kaschmir inspiriert. Das Selbstporträt ist für den Designer ein gutes Beispiel für den feinen Humor der Künstlerin. Die Lebensfreude, die sie sich bis ins hohe Alter bewahrte, der Schalk in ihren Augen, ihr verschmitztes Lächeln, haben ihn beeindruckt:

«Diese Frau war einfach cool.»

Als eine weitere Gemeinsamkeit mit Brătescu erwähnt Kriemler das Atelier. Es hat für ihn eine ähnlich wichtige Bedeutung wie für die Künstlerin: «Es ist der Ort, wo alles möglich ist, ein Ort der kreativen Ruhe, eine Bühne für Experimente.» Brătescu sagte ihm bei einem seiner Besuche: «Das Atelier ist der Ort meiner Freiheit.»

Das Zeichnen nimmt für den Designer in seiner täglichen Arbeit einen wichtigen Platz ein, auch Brătescu war eine grosse Zeichnerin: Kriemler zeigt auf ein Video von 2014, in welchem man sieht, wie die betagte Künstlerin präzise und mit sicherer Hand einen dicken Filzstift übers Papier führt: «Sie hatte einen ganz klaren Strich. Zeichnen war für sie wie ein Tanz.»

Geta Brascu für den dicken Filzstift mit sicherem Strich übers Papier: Filmstill aus «Linia» von 2014.

Geta Brascu für den dicken Filzstift mit sicherem Strich übers Papier: Filmstill aus «Linia» von 2014.

PD/Nachlass Hauser & Wirth

Bis 15.11., Kunstgespräch mit Albert Kriemler 12.8., 18.30 Uhr.