Der St.Galler Liedermacher Simon Hotz macht Musik zur Psychohygiene

Der 19-jährige Biochemie-Student schreibt politische Lieder in der Tradition von Konstantin Wecker und Reinhard Mey. Am Freitag stellt er in der Grabenhalle sein erstes Minialbum vor.

Christina Genova
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Der Biochemie-Student Simon Hotz sieht sich in der Tradition Konstantin Weckers.

Der Biochemie-Student Simon Hotz sieht sich in der Tradition Konstantin Weckers.

Bild: Lisa Jenny

Seine musikalischen Vorbilder sind Jahrzehnte älter als er oder schon tot. Simon Hotz, 19 Jahre alt, kinnlange blonde Locken, John Lennon-Brille, mag deutsche Liedermacher, besonders Reinhard Mey, 77 Jahre, und Konstantin Wecker, 72 Jahre, oder den 2011 verstorbenen Franz Josef Degenhardt.

Für die Fotografin stimmt Simon Hotz auf dem Klavier «Fahrrad» an. Es ist eines der sechs Lieder, die auf seinem ersten Minialbum zu hören sind, Plattentaufe ist am Freitag in der St.Galler Grabenhalle. «Fahrrad» ist eine beschwingte Ode ans Velo, entworfen wird die Utopie einer autofreien Gesellschaft: «Mit jeder Radumdrehung werden wir ein paar Leute mehr, und ein Autositz bleibt leer.» Hotz lebt, was er singt: Er fährt überwiegend Velo, für Konzerte lädt er sein Keyboard in den Veloanhänger.

Worte, die zu Tränen rühren

Doch wie kommt ein junger Mann dazu, sich in der Tradition politischer Liedermacher zu verorten, und sie mit eigenen Liedern fortzuschreiben? «Es waren mehrere Zufälle», sagt Hotz. Aus der Kindheit kannte er die Lieder Linard Bardills. Mit 14 Jahren entdeckte er den Musikkabarettisten Bodo Wartke. Dann stiess er auf «Kai», ein Antikriegslied Reinhard Meys. Die Tiefe, die «schöne Einfachheit» seiner Worte rührten ihn: «Mir kamen die Tränen.» Und von Mey zu Konstantin Wecker war es nur noch ein kleiner Schritt.

Als der deutsche Liedermacher im Herbst vor zwei Jahren nach Friedrichshafen kam, ging der fast 17-Jährige zum Konzert. Danach wartete er auf ein Autogramm und kam mit dem Liedermacher ins Gespräch. Dieser lud ihn kurzerhand an einen Liederworkshop an der Uni Würzburg ein. Für Simon Hotz war dies der Ansporn, sein erstes eigenes Lied zu schreiben und zu komponieren: «Wo wir hinkämen». Es ist auch der Titel seines Albums, ein Protestsong über einen Boomer, der dem Utopisten nie zuhört. Darin, wie auch in seinen anderen Liedern, spricht Hotz Missstände direkt an, manchmal auch sehr plakativ.

Im Workshop selbst entstand «Fische» – eine bitterböse Abrechnung mit dem Kapitalismus. Simon Hotz‘ Lieder spiegeln seine politische Gesinnung. Musikalisch scheint er etwas aus der Zeit gefallen, aber seine Texte sind hochaktuell, es sind die Botschaften seiner Generation: Kapitalismuskritik, Gendergerechtigkeit, Klimaschutz, Konsumkritik. «Erdenmut» ist eine Klimastreik-Hymne, ein Mutmacherlied für Gleichgesinnte, die sich wie er für den Klimaschutz engagieren: Simon Hotz gehört zum Klimakollektiv Ostschweiz.

Es braucht Junge, die Lieder schreiben

2019 lief es gut für Simon Hotz. Im März hatte er seinen ersten Soloauftritt im Talhof, im April trat er zum ersten Mal an einer Klimademo auf, weitere Konzerte an Klimastreiks folgten. Und er kam ins Finale des Ostschweizer Bandwettbewerbs BandXOst. Trotz dieser Erfolge macht sich Simon Hotz, was seine Lieder angeht, keine Illusionen: «In den Charts werde ich damit nie auftauchen. Was ich mir aber erhoffe, ist Subkulturverbreitung.» Und er glaubt an ein Revival des politischen Liedes: «Dafür braucht es Junge, die Lieder schreiben.» Er selbst ist weiter fleissig daran: Diesen Winter kamen vier neue Lieder dazu, zwei weitere sind in Arbeit. Er schreibt auf Hochdeutsch – weil ihn deutsche Gedichte inspirieren. Und weil dem Sohn eines Deutschen das Formulieren in der Hochsprache leichter fällt.

Hotz schreibt seine Lieder zuallererst für sich selbst: «Es ist Psychohygiene. Sonst würde ich den Verstand verlieren.» In «Solange» bringt er dies auf den Punkt:

«Solange es dir weh tut, solange musst du schreien; denn wer schweigt, der wird krank, du kannst dir sicher sein.»

EP-Taufe, Freitag, 20.30 Uhr; Grabenhalle, St.Gallen; die EP ist in der Buchhandlung Comedia, St.Gallen, erhältlich.