Der St.Galler Komponist Marcel Schmid zieht Gotteslob dem Eigenlob vor

Marcel Schmid, langjähriger Kirchenmusiker in Evangelisch-St.Gallen-Heiligkreuz, hat ein «Magnificat» komponiert.

Martin Preisser
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«Gute Musik muss Gänsehaut auslösen», sagt der Kirchenmusiker Marcel Schmid.

«Gute Musik muss Gänsehaut auslösen», sagt der Kirchenmusiker Marcel Schmid.

Bild: Hanspeter Schiess

Der Mensch lenke sich heute mehr ab, als zu sich hinzulenken und zu sich zu kommen, sagt Marcel Schmid, der 50 Jahre Kirchenmusiker in der evangelischen Kirche Heiligkreuz war. «Keep-smiling-Musik» möge er nicht, sondern Musik, die den Menschen eine deutliche Strecke mitnehme, ihn vielleicht auch ein Stück verwandelt wieder entlasse.

Der Showgedanke, das Eventmässige habe auch in der Kirche zugenommen, sagt er deutlich bedauernd, und zitiert eine deutsche Philosophin, die konstatiert, dass das frühere Gotteslob dem Eigenlob, dem Narzissmus gewichen sei. «Die jüngere Generation hört Musik vielleicht eher mit den Augen, statt diese einmal zu schliessen und sich dem hinzugeben, was Musik auslösen könnte.»

Alter und Kreativität passen wunderbar zusammen

Dem nur Plätschernd-Unterhaltenden in der Kirche setzt Marcel Schmid jetzt mit seinem neuen «Magnificat» etwas entgegen, das den Zuhörer nicht berieseln, sondern ein Stück weit zu sich selbst zurückführen will. «Musik soll Emotionen rüberbringen und auch helfen, zu den eigenen Emotionen zu stehen. Nach guter Musik will ich Gänsehaut spüren», sagt der Musiker, der als 76-Jähriger beweist, dass Alter und Kreativität wunderbar zusammenpassen.

Bei seiner «Johannespassion» (nach Texten von Josef Osterwalder) habe er noch mehr das Vorbild Bachs gespürt. Jetzt beim zehnteiligen «Magnificat» habe er sich vom grossen Barockmeister mehr lösen können, sagt Marcel Schmid. «Ein Stück weit ist Bachs ‹Magnificat› mit seinen drei prachtvoll eingesetzten Trompeten auch patriarchalische Prunkmusik», sagt Marcel Schmid. «Mir selbst hat ein eher besinnliches Lob der Gottesmutter Maria vorgeschwebt, so dass ich das Werk ruhig beginnen und ruhig enden lasse.»

Schon als Teenager hat Marcel Schmid komponiert, etwa ein Streichtrio. Aber so richtig durchgestartet als autodidaktischer Tonsetzer ist er erst nach der Pensionierung. Mit dem Älterwerden habe das Komponieren zugenommen . Oft sitzt der Musiker, der einst den Tablater Konzertchor gegründet hat, einfach mal ein wenig improvisierend am Klavier. «Es juckt mich dann in den Fingern, und sie fangen an zu komponieren.» Er arbeite langsamer und habe früher plakativer komponiert.

«Als Komponist zeige ich viel von meinem Innenleben, ich kann mich nicht hinter meiner Musik verstecken», sagt Marcel Schmid. «Beim Schreiben von Musik werde ich ruhiger, es ist eine starke Beschäftigung mit mir selbst. Und im Alter auch immer mehr eine Auseinandersetzung mit den eigenen Fragen und auch Zweifeln.»

Nächstes Jahr gibt es eine Jazz-Toccata zu hören

Vor elf Jahren hat Marcel Schmid ein Weihnachtsoratorium geschrieben, wie unlängst der fast gleichaltrige Komponistenkollege Peter Roth. Bis zum neuen «Magnificat» war Marcel Schmid nicht untätig. Ein ansehnlicher Stapel Noten zeugt von der Kreativität der letzten Jahre, darunter eine «Missa» und ein Pfingsthymnus (nach Texten von Ivo Ledergerber). Eine Jazz-Toccata für Orgel wird 2020 uraufgeführt.

In seine Musik fliesse heute auch die Erfahrung mit selbst geschriebener und in einem langen Musikerleben interpretierter Musik mit ein. Marcel Schmid schreibt klassisch, will mit seiner Musik etwas auslösen. Was er im Gespräch immer wieder unterstreicht: Dass Musik dem heutigen Menschen helfen möge, sich wenigstens für eine kurze Zeit wieder einmal auf sich selbst zu besinnen. Seinem «Magnificat» setzt er beim Uraufführungskonzert (mit dem Bach-Collegium St.Gallen) ein «Magnificat» des barocken Komponisten Dietrich Buxtehude gegenüber. Ein sicher spannender Vergleich.

4.1., 17 Uhr, Klosterkirche, Neu St.Johann;
12.1., 17 Uhr, ev. Kirche Heiligkreuz, St.Gallen