«Ich hatte die Klagen satt»: St.Galler Instrumentenbauer will die Mängel des Klaviers mit eigener Erfindung beheben

Ein Klavier, das sich so präzis wie ein Flügel spielt. Das ist die neueste Erfindung des St.Galler Klavierbaumeisters Edgar Tobehn.

Roger Berhalter
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Die entscheidenden Teile der Mechanik bleiben verborgen: Klavierbaumeister Edgar Tobehn mit seinen Söhnen Tobias (links) und Christoph im Showroom an der Langgasse.

Die entscheidenden Teile der Mechanik bleiben verborgen: Klavierbaumeister Edgar Tobehn mit seinen Söhnen Tobias (links) und Christoph im Showroom an der Langgasse.

Bild: Urs Bucher

Hat er das Klavier neu erfunden? «Nein, um Gottes Willen!» Edgar Tobehn winkt ab. «Dafür gibt es nun wirklich keinen Grund.» Doch der St.Galler Klavierbaumeister hat immerhin die Mechanik des Instruments neu erfunden: Das, was im Inneren des Klaviers passiert, zwischen dem Drücken einer Taste und dem Erklingen eines Tons.

Diese Mechanik ist seit über 100 Jahren unverändert. Ein Klavier ist nun einmal ein Klavier, das Instrument ist fertig entwickelt und fertig gebaut, denkt der Laie.

Tobehn aber, Klavierbaumeister und Konzerttechniker mit jahrzehntelanger Erfahrung, sagt: «Ich sehe noch viel Potenzial im Klavierbau.» Für ihn ist das Instrument noch längst nicht zu Ende gedacht. In der Werkstatt, die er mit seinen zwei Söhnen Christoph und Tobias und seiner Frau Brunhilde im Osten von St.Gallen betreibt, tüftelt er an technischen Lösungen, die das Klavier zu einem leichtgängigeren Instrument machen sollen.

Seit 100 Jahren die gleiche Mechanik

Eine dieser technischen Lösungen steckt in einem handelsüblichen schwarzen Klavier im hinteren Teil seines Showrooms. «KTT Repetitionsmechanik» steht darauf, so heisst Tobehns neuste Erfindung. Damit sei «eine ganz präzise Repetition der Taste und eine nie gekannte Kontrolle des Tastendrucks» möglich, sagt der 62-Jährige.

Mit der neuen Konstruktion kann ein Pianist zum Beispiel aus jeder Tastenposition heraus einen Ton spielen, selbst wenn er die Taste schon fast durchgedrückt hat. Auf Flügeln geht das wesentlich besser, deshalb steigen die meisten Pianisten irgendwann auf einen Flügel um – sofern sie es sich leisten können und genug Platz haben.

Die Nachteile der Klaviermechanik sind altbekannt. «Es gibt Mängel, die man beheben könnte. Jeder Klavierbauer weiss das», sagt Tobehn:

«Ich hörte immer wieder Klagen von Kunden und hatte das irgendwann satt.»

Also habe er sich vor 20 Jahren hingesetzt und an einer präziseren Klaviermechanik herumstudiert. Die Idee blieb aber lange in der Schublade, bis dem Klavierbaumeister die Teile von damals beim Aufräumen wieder in die Hände fielen. «Jetzt wird’s gemacht», habe er sich gesagt, nahm die Idee in die Werkstatt und verbrachte ganze Tage mit Tüfteln.

Tobehn liess verschiedene Modelle bauen, verfeinerte sie, bis er schliesslich die neue Klaviermechanik vor sich hatte. Sie soll es guten Pianisten ­ermöglichen, auch auf einem ­Klavier so präzis wie auf einem Flügel zu spielen.

Betriebsgeheimnis, bis das Patent erteilt ist

Wie das genau funktioniert, möchte Tobehn nicht verraten. Er hat seine Erfindung erst zum Patent angemeldet, noch wartet er auf die Bestätigung. Deshalb gibt er sich vorerst bedeckt, was die neue Mechanik betrifft, die entscheidenden Bauteile bleiben unter einer lackierten Holzabdeckung verborgen. Die Rückmeldungen von Branchenfachleuten und Pianisten seien aber durchweg positiv. Tobehn sagt:

«Einige Klavierhersteller sind stark an der neuen Mechanik interessiert.»

Er kann sich gut vorstellen, neben Stimmen und Reparieren verstärkt an Innovationen zu arbeiten. Die Ideen gehen ihm jedenfalls nicht aus: «Wir haben noch mehr in der Schublade.» Konkreter möchte er auch hier nicht werden, nur so viel: Es gehe nicht nur ums Klavier. Auch der Flügel ist für Tobehn noch nicht zu Ende gedacht.

Jedes Klavier ist anders

Klavierbauer ist ein seltener Beruf geworden. Der Familienbetrieb Tobehn hält das traditionelle Handwerk hoch, tüftelt aber auch an Innovationen.
Roger Berhalter