Der stachlige Herr Hunkeler

Hansjörg Schneider schickt in «Hunkelers Geheimnis» seinen Kommissär wider Willen los, um gleich mehrere rätselhafte Kriminalfälle zu klären.

Rolf App
Drucken
Teilen
Hansjörg Schneider (Bild: ky)

Hansjörg Schneider (Bild: ky)

Liebhaber des Kriminalromans kennen das: Wie ein Detektiv oder Kommissar mit der Zeit zum Gefährten wird. Wie sie dann mit Raymond Chandlers Privatdetektiv Philip Marlowe an der Bar sitzen, mit Donna Leons Commissario Brunetti und seiner Familie den Abend verbringen oder mit Georges Simenons Kommissar Maigret nach Hause gehen zu Madame Maigret – immer in Gedanken beim neuesten Fall. So aufregend dieser Fall dann sein mag, das Eintauchen in den Alltag des Ermittlers hat etwas angenehm Beruhigendes.

Hunkeler sucht Abstand

Mit Hansjörg Schneiders pensioniertem Kommissär Hunkeler kann man auch im kürzlich erschienenen neunten Fall – «Hunkelers Geheimnis» – ganz ähnliche Erfahrungen machen. Hunkeler hat etwas Verschlossenes, irgendwie Stachliges, er lässt sich nicht gern in die Seele blicken. Nicht einmal von Hedwig, seiner Freundin. Auf der andern Seite lebt er in einem dichten Netz von Beziehungen. Er pendelt zwischen seiner Wohnung in Basel und einem Häuschen im Elsass, und eigentlich will er sich ja aus den Geschäften seines Nachfolgers Madörin heraushalten, den er nicht sehr mag.

Der Bankier im Bett nebenan

Nur heftet sich trotz seines Desinteresses immer wieder mal ein Fall an seine Fersen und weckt seinen Ermittlertrieb. So geschieht es auch hier. Im Spital holt Hunkeler nach einer Operation die Vergangenheit ein in Gestalt des todkranken Bankiers Stephan Fankhauser, der wie er zu Studentenzeiten von der Weltrevolution geträumt hat. Fankhauser geht ihm tüchtig auf die Nerven, ist dann aber rasch tot. Kurz zuvor hat ihm eine nach Zimt duftende Krankenschwester eine Injektion verpasst.

Nicht genug der Zwischenfälle. Fankhausers Nachfolger wird in den USA verhaftet, ein Altregierungsrat niedergeschlagen, ein pensionierter Investmentbanker erschossen. Und die Frage stellt sich: Gibt es da Zusammenhänge?

Der Staatsanwalt braucht Hilfe

Sie lässt Hunkeler keine Ruhe, auch wenn Privates sich dazwischen drängt in Gestalt eines befreundeten Malers, den er vor der Polizei versteckt, und in Gestalt seiner achtzehnjährigen Enkelin, die Unterschlupf sucht. Fazit deshalb: Hunkeler will seine Ruhe, doch er findet sie nicht. Denn weil die ominösen Fälle zu Unstimmigkeiten zwischen Basler, deutscher und elsässischer Polizei führen, ruft Staatsanwalt Suter den pensionierten Kommissär zu Hilfe. Wohin das führt, verraten wir hier nicht. Besonders eifrig macht Hunkeler sich nicht ans Werk, im Herbst seines Lebens ist ihm anderes wichtiger geworden. Etwa, bei aller Stachligkeit: Beziehungen.

Ein Blick zurück

So schreitet Hansjörg Schneiders neunter Hunkeler-Fall in ruhigem – manchmal ein wenig zu ruhigem – Tempo seiner überraschenden Auflösung entgegen. Das Buch dümpelt ein wenig vor sich hin. Immerhin verleihen ihm die Ausführungen zum Ersten Weltkrieg und zur Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg eine neue, überraschende Dimension. Hunkelers neunter Fall handelt auch von der Schweiz.

Hansjörg Schneider: Hunkelers Geheimnis. Der neunte Fall, Diogenes 2015, 200 S., Fr. 31.90