«Der Staat schützte uns nicht»: Edwin Beelers Film «Hexenkinder» zeigt, wie in der Gewalt an Kindern in Schweizer Heimen dunkelstes Mittelalter weiterlebte

Der Dokumentarfilm erzählt die Geschichte von zwangsversorgten Heimkindern, die im Namen der Religion gequält wurden, sich trotzdem nicht brechen liessen und dank ihrer Widerstandskraft und Phantasie überlebt haben.

Urs Mattenberger
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MarieLies Birchler erhält Einsicht in ihre Vormundschaftsakten und erfährt, dass der Vormund sie als «sittlich verwahrlost» eingestuft hat. Damals war sie sieben Jahre alt. Links im Bild: Verena Rothenbühler, Historikerin im Staatsarchiv Zürich.

MarieLies Birchler erhält Einsicht in ihre Vormundschaftsakten und erfährt, dass der Vormund sie als «sittlich verwahrlost» eingestuft hat. Damals war sie sieben Jahre alt. Links im Bild: Verena Rothenbühler, Historikerin im Staatsarchiv Zürich.

PD

Was für ein Gefühl von Freiheit und Schwerelosigkeit, und das in einem Film, der von zwangsversorgten Heimkindern aus den 50er- bis 70er-Jahren in der Schweiz handelt! Wenn zu Beginn ein Flugzeug senkrecht aus dem Himmel ins Bodenlose fällt, baumelnd wie eine Girlande, fliegen wir so euphorisch wie ängstlich mit, bis der freie Fall im Blick der Kamera auf die unendliche Ruhe eines Gewässers endet.

Magische Naturbilder sind ein Markenzeichen des Innerschweizer Filmers Edwin Beeler. Aber in «Hexenkinder» zieht sich nicht die mythische Bergwelt («Arme Seelen»), sondern das Wasser leitmotivisch durch den Film. Es erstarrt zu Eis, bahnt sich aus gefrorenen Schollen den Weg in die Freiheit, schiesst durch Flusswehre hindurch oder birgt keimendes Leben. Und doch ist es hier auch ein Folterinstrument.

In den Vormundschaftsakten finden sich in der Regel keine Hinweise auf Gewalt an Kindern. Eine Ausnahme ist Willy Mischlers Fall. In seinem Dossier steht: «Im Heim wurde Willy von einer Schwester körperlich hart gezüchtigt, so dass wir einschreiten mussten. Die Schwester wurde draufhin versetzt.» (links im Bild Yvonne Pfäffli, Historikerin im Stadtarchiv Bern, recht Willy Mischler)

In den Vormundschaftsakten finden sich in der Regel keine Hinweise auf Gewalt an Kindern. Eine Ausnahme ist Willy Mischlers Fall. In seinem Dossier steht: «Im Heim wurde Willy von einer Schwester körperlich hart gezüchtigt, so dass wir einschreiten mussten. Die Schwester wurde draufhin versetzt.» (links im Bild Yvonne Pfäffli, Historikerin im Stadtarchiv Bern, recht Willy Mischler)

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Weil sie ins Bett nässte, wurde MarieLies Birchler im Waisenhaus in Einsiedeln in der Badewanne unters eiskalte Wasser getaucht. «Bis ich fast nicht mehr atmen konnte», sagt sie mit lebhafter und doch bebender Stimme in die Kamera. Willy Mischler war im Heim Mariahilf in Laufen nur ein «keckes Bürschchen» mit einem «frechen Blick». So schrieb es sein Vormund in die Akte, die der Geschäftsmann im Staatsarchiv Bern einsieht. Und doch wurde auch Mischler mit «Duschen und Dünkle» gequält. Die Ordensschwestern zogen ihn an den Beinen «rauf und runter», nur um zu sehen, «öb no läbsch».

Der Staat als Unterlassungstäter an den «Aktenzöglingen»

Mischler und Birchler sind zwei der fünf Protagonisten, die vor Beelers Kamera die Erinnerungen an ihre Heimkarrieren lebendig werden lassen. Damit führt der Filmemacher eindrücklich die Debatte weiter, die Markus Imhof mit seinem «Verdingbub» angestossen und die die Wiedergutmachungsinitiative prominent auf die politische Agenda gebracht hatte. «Es geht mir um die Perspektive der damaligen Kinder. Nicht um die Täter, sondern um die Opfer, was sie durchlitten und mit welcher Kraft sie ihr Schicksal gemeistert haben», so Beeler zu seinem «anwaltschaftlichen» Film.

Sergio Devecchi, Hauptmitwirkender, erzählt von seiner Kindheit im damaligen Kinderheit der «Gott hilft Stiftung» in Pura, wo er die ersten elf Jahre seines Lebens als Heimkind «fremdplatziert» und «zwangsversorgt» war.

Sergio Devecchi, Hauptmitwirkender, erzählt von seiner Kindheit im damaligen Kinderheit der «Gott hilft Stiftung» in Pura, wo er die ersten elf Jahre seines Lebens als Heimkind «fremdplatziert» und «zwangsversorgt» war.

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Er zeigt: In den Heimen waren nicht nur Ordensschwestern mit religiösen Wahnvorstellungen Täter, sondern auch der Staat. «Ich habe meinen Vormund nur einmal gesehen», bedauert Sergio Devecchi, der, seit er zehn Tage alt war, von Heim zu Heim umplatziert wurde «wie Rinder in eine andere Alp»: «Der Vormund hat mich sträflich vernachlässigt, der Staat hat seine schützende Hand nicht über uns gehalten.»

Das zeigt sich auch an den entmündigenden Akten, wie der Historiker Markus Furrer erläutert: Mit ihnen stülpten die Behörden dem «realen Zögling» eine zweite Biografie über, einen «Aktenzögling», dessen Prägung weitergereicht wurde und den der «reale Zögling» nie abstreifen konnte. Lapidar resümiert die eindringliche Kommentarstimme von Hanspeter Müller-Drossaart.

«Wie sich die Kinder fühlten: Darüber steht nichts in den Akten.»

Neben der politischen hat der Film eine historische Dimension, die ihn über alle Aktualität hinaushebt. Wenn die Kamera die Treppe zum dunklen Estrich hochkriecht, der im Mariahilf in Laufen als Folterkammer diente, öffnet sich der Blick auf mittelalterliches Gemäuer. Und da, an historischen Schauplätzen wie dem Schelmenturm in Stans, gibt der Film Einblick in das Schicksal von «Hexenkindern» im 17. Jahrhundert, denen in einer frühen Form von «Mobbing» (Romano Cuonz) Teufelstreiben nachgesagt wurde. Sie wurden «strangulieret» oder enthauptet – wie das elfjährige «Fötzeltrini», das «ein schwarzer boshafter Bube mit dem Glied an ihrer geheimen Natur gekutzelt» habe.

Kinder werden gewaltsam in Form gebracht

In den Naturbildern kann man durchatmen: Sihlsee, Schneegestöber.

In den Naturbildern kann man durchatmen: Sihlsee, Schneegestöber.

PD

Eine Klammer ist die zeitlos archaische Musik von Albin Brun und anderen. In ihr kann man wie in den Naturbildern weit durchatmen. Ein zweites verbindendes Element spricht der Kommentar an: Hier wie dort ist eine ähnliche Haltung am Werk, Kinder als «rohe und wilde Wesen» zu sehen, die man formen muss, um sie «zu Gott hinzuführen» oder gesellschaftlichen Bedürfnissen anzupassen. Das macht diesen Film verstörend aktuell. Zudem kehrt das Hexen-, Teufels- und Sündenvokabular des 17. Jahrhunderts in den Erzählungen der Heimopfer wieder, ebenso wie der Hang der «barmherzigen Schwestern», alles Sinnliche immer «auf eine sexuelle Ebene herunterzureissen», wie Birchler sagt. Das Vertrauen, das Beeler mit seiner einfühlsam-geduldigen Kamera zu seinen Protagonisten schafft, lässt diese offen auch über religiösen wie sexuellen Missbrauch sprechen.

Eine erstaunliche Leichtigkeit verdankt der Film den sympathischen Protagonisten, die alle ihren Weg im Leben gemacht haben. Wenn am Schluss MarieLies im Park mit einem Kind herumtollt, wird einem so leicht ums Herz wie bei der Flugzeuggirlande zu Beginn. «Ich bin einfach wild gewesen, ich wollte leben und konnte es nicht», sagt sie zuvor im Film und beweist wie die andern auch, dass sie es trotzdem geschafft hat. Ein so aufwühlender wie bestärkender, wunderbarer Film.

Die Premiere im St.Galler Kinok am 17. September, 18.30 Uhr, findet in Anwesenheit des Regisseurs Edwin Beeler und der Protagonistin MarieLies Birchler statt. Das Gespräch führt der Filmjournalist Geri Krebs.
Filmstart im Cinewil, 17. September, am 18.10. ist der Regisseur um 10 Uhr mit Mitwirkenden zu Gast.
Ab 27.9. läuft der Film im Kino Passerelle Wattwil. Filmstart demnächst auch im Kinotheater Madlen und im Alten Kino Vaduz.

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