Der St. Galler Tàpies-Streit

Es war eine der markantesten Auseinandersetzungen um moderne Kunst in St.

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Es war eine der markantesten Auseinandersetzungen um moderne Kunst in St. Gallen: Auf Initiative von Ruedi Mettler hatte Antoni Tàpies das Wandbild «Gran Esquinçal» geschaffen; zum 225jährigen Bestehen der Firma Mettler & Co AG im Herbst 1970 wurde es der Stadt zur Ausschmückung des kurz zuvor erbauten Stadttheaters geschenkt. Die Reaktionen nach der Installation des Werkes waren ausserordentlich heftig und zogen sich über Monate hin. Im Zentrum der Diskussionen standen die Bezüge des Werkes mit den vier Stoffbahnen zu Form und Inhalt eines Sonetts von Josep Carner, das von der zerschlissenen katalanischen Flagge spricht (Esquinçal = das Zerrissene). In Leserbriefspalten wurde die Frage «Lumpen oder nicht Lumpen?» debattiert und das Werk teils als «Schandfleck» apostrophiert.

Die Pro-Seite vertrat etwa die Kunsthistorikerin Elisabeth Keller-Schweizer, die das «unbequeme Kunstwerk» im Tagblatt mit den Worten verteidigte: «Zerrissen und befleckt, weist es auf einen Fleck im menschlichen Zusammensein hin.» Und Richard Häsli schrieb in der NZZ: «Solange es geschändete Flaggen, geschändete Völker, den geschändeten Menschen gibt, wird es auch Mahnmale als Aufrufe an das Gewissen der Mitvölker und Mitmenschen geben. Ein solches Memento ist Tàpies' <Gran Esquinçal>: unbequem, ungefällig, aber sehr aktuell, gegenwartsnah, eine ständige Mahnung.» Schliesslich wurde im Gemeinderat die «Tàpies-Motion» knapp, mit 29 zu 24 Stimmen abgelehnt, welche die Entfernung des Werkes verlangt hatte. (red.)