Der Sprechidealist

Matthias Burki leitet den Verlag Der gesunde Menschenversand, den es noch immer gibt – und der Spoken-Word-Künstlern wie Gabriel Vetter eine Heimat bietet. Lukas G. Dumelin

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Seit 15 Jahren leitet Matthias Burki den Verlag «Der gesunde Menschenversand». Wörtlich nehmen soll man den Namen aber nicht. (Bild: Mischa Christen)

Seit 15 Jahren leitet Matthias Burki den Verlag «Der gesunde Menschenversand». Wörtlich nehmen soll man den Namen aber nicht. (Bild: Mischa Christen)

War es Zufall? Oder ein Unfall? Eigentlich wollte Matthias Burki mit befreundeten Künstlern nur ein Buch herausgeben – und plötzlich hatte er einen Verlag. Vor 15 Jahren war das, der erste Titel versammelte Kurzgeschichten, Comics, Illustrationen und Gedichte.

Nicht nur das Buch, auch der Verlagsname fiel auf. Der gesunde Menschenversand? Dieser Name blieb hängen. Auch dank der Menschenversand-Slams. In der ersten Zeit war Burki nämlich vor allem Veranstalter. Als einer der ersten in der Schweiz organisierte er Poetry Slams. Die Szene wuchs, bald hatte jede grössere Stadt einen eigenen «Dichtungsring».

Eine Notiz vom Verleger

Daraufhin erschienen die ersten Slam-CDs. Burkis Hobby entwickelte sich zum zeitintensiven Nebenjob. 2008 setzte der Luzerner, der Ethnologie studiert und als Journalist gearbeitet hat, auf eine Karte: Er machte den Verlag zu seinem Brotjob – und lebt seither von Texten, die sich am mündlichen Erzählen orientieren.

Durch den Verlag kam Gabriel Vetter übrigens zum Slam. Nachdem der Ostschweizer Poet, Kolumnist und Hörspielautor einige Titel bestellt hatte, fand er nicht nur die bestellten Medien im Briefkasten, sondern auch eine Notiz von Matthias Burki. Obwohl sie sich nicht kannten, forderte Burki ihn auf, einmal an einem Poetry Slam aufzutreten.

Vetter hat es getan – und ist mittlerweile ein Freund von Burki. Der Verleger bietet ihm und andern Spoken-Word-Künstlern wie Lara Stoll, Pedro Lenz, Michael Stauffer oder Renato Kaiser eine Heimat. Die meisten bleiben dem Verlag treu, auch Vetter. Von ihm erscheint dieser Tage das dritte Soloalbum. Ein Hörbuch, wenn man so will. Slam Poetry live.

Vetter und das Vaterland

«Vive la Résidence!» heisst die CD, es lebe das Zuhause, es lebe die Schweiz. Gewohnt bitterböse nähert sich Vetter dem Vaterland. In seinen Texten finden sich die im Albumtitel mitgemeinten Revolutionen. Es sind kleine Revolutionen, die das Bühnen-Ich anzettelt: es schreit und flüstert, zetert und erzählt, kalauert und deklamiert, sinniert und philosophiert. So erzählt das Ich vom Onkel, der «tonnewis Retriever» in den Ofen schiebt und zu sagen pflegt: «Die Tierkadaververbrennung ist ein Spiegel der Gesellschaft.»

Vetter, 1983 in Schaffhausen geboren, zeigt, was man mit gesprochener Sprache anstellen kann. Darum geht es auch Burki. Ob Künstler Dialekt oder Hochdeutsch sprächen, spiele keine Rolle. «Jede Sprache eignet sich für Kunst», sagt der Verleger.

Kleiner Verlag, kleiner Markt

Für schweizerdeutsche Texte, gedruckt oder auf eine Audio-CD gebrannt, ist der Markt sehr klein. «Einerseits ist das ein Problem», sagt Burki. Andererseits vereinfache das auch wieder vieles. «Der Aufwand, ein Produkt zu vertreiben, ist nicht so riesig», sagt Burki. In Deutschland Fuss zu fassen, sei hingegen unglaublich schwierig, selbst mit hochdeutschen Texten. Weil es dort andere Spoken-Word-Verlage gibt – und weil der Werbeaufwand zu gross wäre.

Um ein Projekt zu finanzieren, hat sich Burki den Lohn auch mal erst ein halbes Jahr später ausgezahlt. Darum gibt es den Verlag noch immer. Burki staunt selber, auch über seinen Idealismus, den er gleich wieder herunterspielt. «Ich bin nicht der einzige Idealist. Jeder freischaffende Künstler ist einer.»

Leute, die Burki kennen, sagen, es gehe ihm um Kultur, nicht um Profit. Was belegt dies besser als das zehnte Buch, das diesen Monat in der Reihe «Spoken Script» erscheint. Wie die andern Bücher ist auch Michael Fehrs «Kurz vor der Erlösung» eigentlich gesprochene Kunst. Schliesslich diktiert der 30jährige Berner seine Texte – und transkribiert sie dann.

Ein Buch aus 17 Sätzen

Das Buch besteht aus 17 Sätzen, jeder Satz ist eine mehrere Seiten lange Annäherung an eine Figur. Am Ende fügen sich die Sätze zu einer ganzen Geschichte. Ein einfaches Buch ist das nicht. Und das zeigt, dass es Burki wirklich um Kunst geht, denn Fehrs Buch wird sich nicht so gut verkaufen wie Pedro Lenz' Mundartroman «Der Goalie bin ig», der in derselben Reihe erschienen ist.

Das alles bereitet Burki genauso wenig Sorgen wie der Trend zur Digitalisierung. «Bei den Büchern spüre ich noch keinen Absatzeinbruch.» Doch bei den Audio-CDs sinken die Verkaufszahlen, in näherer Zukunft wird es sie wohl nur noch als Downloads geben. Bücher und die E-Books, die Burki ab Ende April anbietet, würden aber noch lange parallel erscheinen.

Gabriel Vetter: Vive la Résidence. Michael Fehr: Kurz vor der Erlösung. Beide Titel erscheinen im Verlag «Der gesunde Menschenversand».

Gabriel Vetter, Slam Poetry. (Bild: (Urs Bucher))

Gabriel Vetter, Slam Poetry. (Bild: (Urs Bucher))

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