Musik
Der Sound der Freiheit: Wie die «Negermusik» die Schweiz nach Kriegsende veränderte

Jazz war nicht nur die Musik des Kriegssiegers. In der Schweiz bot sie eine multikulturelle Vision, eine Zusammengehörigkeit über die Sprachgrenzen hinweg.

Stefan Künzli
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Louis Armstrong wurde bei seiner Ankunft in der Schweiz wie ein Popstar empfangen.

Louis Armstrong wurde bei seiner Ankunft in der Schweiz wie ein Popstar empfangen.

STR /Keystone (Kloten

Unglaublich! In den frühen Kriegsjahren diskutierte man in der Schweiz allen Ernstes, ob Jazz «kulturbolschewistisch» sei. Und obwohl die swingende Musik vor allem bei den Soldaten und den Jugendlichen beliebt war, sprach der damalige Generaldirektor des Schweizer Radios Alfred Glogg 1940 ein Jazz-Verbot aus. «Es wird in unserem Radio viel zu viel Jazz und Negermusik gespielt. Die Jugend wünscht Jazz. Wir erschrecken darüber. Das ist ein Zeichen der Degeneration». Die «Negermusik» passte nicht zur geistigen Landesverteidigung der Schweiz.

Doch das Jazz-Verbot wurde nicht befolgt. Namentlich das Radiostudio Genf widersetzte sich vehement und erfolgreich. Neben dem Generationskonflikt machte sich in der Schweiz auch eine kulturelle Spaltung bemerkbar. Dort die französisch-sprechende Schweiz, die sich kulturell mit den jazz-verrückten Franzosen verbunden fühlten. Hier die Deutschweiz, wo die jazz-feindliche Haltung in gewissen Kreisen auch mit der Anpassung an das Nazi-Deutschland zusammenhing. Jazz galt dort als «entartet».

Bemerkenswert ist immerhin, dass die mit Abstand beliebteste Swing-Band im Dritten Reich das Schweizer Jazzorchester von Teddy Stauffer war. Überhaupt war die Schweiz in jenen Tagen, nicht zuletzt wegen der grossen Anzahl von Flüchtlingen, reich an qualitativ hochstehenden Jazzorchestern.

Doch im Laufe des Krieges veränderte sich die Situation. «Je mehr die Sympathie zu Deutschland schwand, desto populärer wurde der Jazz», heisst es in Bruno Spoerris «Jazz in der Schweiz». Und mit dem Kriegsende erreichte der Swing-Enthusiasmus in der Schweiz und Europa seinen Höhepunkt. Eine Welle der Begeisterung für alles Amerikanische erfasste Europa. Die Amerikaner hatten Hitler besiegt und Westeuropa aus den Klauen der Nazis befreit. Jazz war der Sound der Sieger und der Befreiung, die Musik der Freiheit. Das Symbol von Individualität, ein Zeichen für Optimismus und ein starkes Bekenntnis zu Demokratie in einem modernen Europa.

Auch in Deutschland entwickelte sich der Jazz nach Kriegsende vor allem in den Besatzungszonen prächtig. Nicht nur in den amerikanischen GI-Lokalitäten, wo Jazzbands zur Unterhaltung spielten. Die Nachfrage und der Nachholbedarf waren riesig. Überall in Europa schossen Jazzbands aus dem Boden. Die amerikanische Armee sendete Jazz aus dem Radiosender in München für ihre Soldaten, gleichzeitig aber auch für eine wachsende Jazzgemeinde in Europa. Amerikanische Musiker wie Louis Armstrong und Duke Ellington gingen in Europa auf Tour und machten auch in der Schweiz Halt. Sie wurden wie Popstars gefeiert. Jazz war Pop.

Viele amerikanische Soldaten besuchten die Schweiz im Rahmen von «Ferienaktionen der US-Armee». Der Tourismus blühte, die hochklassigen Tanzorchester in den Ferienorten waren ausgebucht. Um 1945 waren zum Beispiel in St. Moritz zeitweise bis zu 3000 US-Soldaten untergebracht, dabei viele Schwarze, die Jazz zur Alpenmusik machten.

Kontrapunkt zu den Marschstiefeln der Nazis

Jazz hatte aber in der Schweiz auch eine starke gesellschaftspolitische Funktion. Zunächst hatte er, wie oben dargestellt, die Generationen getrennt. Jazz war Tanzmusik. Als solche weckte sie bei Jugendlichen Wünsche und Träume, die bei einer verstockten, älteren Generation noch unterdrückt und als schamlos angesehen wurden.

Gegen Ende des Kriegs und vor allem danach hatte Jazz eine verbindende Wirkung. Er vereinte Westschweizer, Deutschschweizer und Tessiner über die Sprachgrenzen hinweg. Der Sound Glenn Miller und Duke Ellington aber auch von Teddy Staufer, Fred Böhler und nach dem Krieg vor allem Hazy Osterwald schufen einen willkommenen Kontrapunkt zu den Marschstiefeln der Nazis. Unter Jazzfreunden schuf er ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und Verbundenheit. Die multikulturelle Schweiz brauchte eine neue Vision. Der multikulturelle, lebensbejahende Jazz hatte eine, in der Herkunft, Hautfarbe und Standesunterschiede keine Rolle spielte.