Der Sommer vor dem Wandel

Das preisgekrönte Spielfilmdébut «Sitting Next to Zoe» von Ivana Lalovic ist ein einfühlsames Teenager- und atmosphärisches Milieu-Porträt zugleich. Die Regisseurin wählt einen im Schweizer Film viel zu selten genutzten Schauplatz – die Agglomeration.

Andreas Stock
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Einnehmende Natürlichkeit: Jungschauspielerin Lea Bloch als Asal. (Bild: pd)

Einnehmende Natürlichkeit: Jungschauspielerin Lea Bloch als Asal. (Bild: pd)

Es bleibt unausgesprochen, hängt aber wie ein angekündigtes Gewitter über den Sommerferien von Asal und Zoe. Die beiden 15-Jährigen sind dicke Freundinnen. Doch weil die schüchterne Seconda Asal im Gegensatz zur kecken Zoe die Aufnahmeprüfungen fürs Gymnasium geschafft hat, werden sich ihre Wege nach den Ferien unweigerlich trennen. Das wollen beide noch nicht so richtig wahrhaben. Und lenken sich gerne damit ab, dass sie sich zusammen im Schwimmbad und in den lauen Nächten vergnügen, beim Musikhören und Tanzen. Und sie wollen ihre Jungfräulichkeit verlieren – und der 18jährige Kai aus Schweden, der den Sommer in der Autowerkstatt seines Onkels verbringt, weckt besonders bei Asal Interesse.

Preis für Drehbuch

Die 1982 in Sarajevo geborene Schweizer Doppelbürgerin Ivana Lalovic erzählt in ihrem Spielfilmerstling «Sitting Next to Zoe» eine einfühlsame Coming-of-Age-Geschichte, mit der sie und ihre Co-Autorin Stefanie Veith am Max-Ophüls-Festival für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurden und an weiteren Festivals Preise und Lob erhalten haben.

Für eigene Träume kämpfen

Lalovic, die bereits mit ihren Kurzfilmen an internationalen Festivals ausgezeichnet worden ist, schreibt zum Film: «Da ich selbst in zwei unterschiedlichen Kulturen aufgewachsen bin, musste ich mich gegen die traditionell-kulturell geprägten Vorstellungen meiner Eltern durchsetzen. Es war mir darum ein grosses Anliegen, über die beiden Themen <Suche nach Identität> und <Kampf für die eigenen Träume> zu erzählen.»

So versucht Asal eine Distanz zu schaffen zu ihren Eltern, während Zoe sich dagegen sträubt, wie ihre Mutter als Kassiererin im gleichen Lebensmittelgeschäft zu enden. Vielmehr träumt Zoe davon, in Paris eine Ausbildung als Make-up-Artistin zu machen.

Einfühlsame Kamera

Es sind zwar klassische Teenager-Nöte, wenn es hier um die erste Liebe, die grosse Freundschaft, Unstimmigkeiten mit den Eltern oder jene Verunsicherung geht, wie «der Ernst des Lebens» nach der Schulzeit aussehen wird. Doch die jungen Hauptdarstellerinnen Lea Bloch als Asal und Runa Greiner als Paradiesvogel Zoe verkörpern die zwei Mädchen mit einnehmender Natürlichkeit, unterstützt von einem stimmigen Soundtrack und einer Handkamera, die den Mädchen einfühlsam nahe kommt, ohne diese Intimität zur Schau zu stellen. Auch wenn es nicht ohne Klischees geht – wozu zwei zickige Girls gehören sowie der Lebenspartner von Zoes Mutter, mit dem sich das Mädchen ständig streitet – gelingt Ivana Lalovic ein authentisches Porträt zweier Teenager, das auch für ein Publikum sehenswert ist, das dieses Alter längst hinter sich hat.

Schauplatz Spreitenbach

Dies unter anderem, weil diese Geschichte neben guten Drehbuch-Ideen in Spreitenbach spielt – und damit einen im Schweizer Film viel zu selten genutzten Schauplatz wählt: die Agglomeration. Typische Blocksiedlungen, Brücken über Strassen und Schienen, betonierte Vorplätze und das Flachdach auf einem Hochhaus sind einige der Schauplätze, die in warmen, rötlich gehaltenen Bildern gezeigt werden. «Sitting Next to Zoe» beschreibt somit nicht nur einen Lebensabschnitt, sondern verortet seine Geschichte in einem genau gezeichneten Milieu.

Im Kino Passerelle in Wattwil und ab morgen Di im Kinok in St. Gallen (weitere Kinos in der Region folgen)

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