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Der Sog des Unbekannten

Die neue Ausstellung in der Kunsthalle St. Gallen zeigt Annäherungen an das Unbekannte. Nora Steiner geht in sieben Gemälden den schwarzen Löchern auf den Grund. Anna Witt rückt zwei Flüchtlingsschicksale in den Fokus.
Christina Genova
Annäherungen an das Unbekannte: Nora Steiner erkundet schwarze Löcher, Anna Witt das Schicksal von Flüchtlingen. (Bild: Ralph Ribi)

Annäherungen an das Unbekannte: Nora Steiner erkundet schwarze Löcher, Anna Witt das Schicksal von Flüchtlingen. (Bild: Ralph Ribi)

ST. GALLEN. Wie malt man ein schwarzes Loch? Einen Ort, der dunkler ist als die schwärzeste Nacht, der alles in sich aufsaugt und nie mehr loslässt? Zwar weiss man, dass schwarze Löcher existieren, doch gibt es keine Bilder davon. Nora Steiner, eine 35 Jahre alte Zürcher Künstlerin, hat einen Weg gefunden, sie darzustellen. Sie hat gleich sieben schwarze Löcher in die Kunsthalle St. Gallen mitgebracht, auf fast quadratischen, 2 Meter 50 hohen Leinwänden.

Knackig schwarze Löcher

Um ein schwarzes Loch zu malen, brauchte Nora Steiner keinen Tropfen schwarzer Farbe, aber viel Zeit. Fünf Jahre war sie mit dem Werkzyklus der schwarzen Löcher beschäftigt. Dünne Schichten Ölfarbe trug sie geduldig auf, erreichte so Tiefe, Dichte, einen verführerischen Sog und ein Flirren an den Rändern. Es ist die Technik des Lasierens, welche schon die Alten Meister der Renaissance anwandten. Chromoxidgrün und Krapplack, oder Ultramarin dunkel und Siena gebrannt, ergeben übereinander aufgetragen das «knackige, hohe Schwarz», welches Nora Steiner für ihre schwarzen Löcher vorschwebte. Als letzte Zutat braucht es die richtige Musik im Ohr. Black Metal hörte die Künstlerin während des Malens – fast ein Klischee. Zur Ausstellung ist ein Künstlerheft mit Detailansichten der Gemälde erschienen, doch es erweist sich, dass kein Abbild die Wirkung der Werke einfangen kann. Sie verlangen nach der unmittelbaren, physischen Präsenz vor Ort.

Auch Anna Witt wagt wie Nora Steiner eine Annäherung an etwas Unbekanntes, etwas, das den eigenen Erfahrungshorizont übersteigt. In ihrem Projekt «Durch Wände gehen» verbindet die 35jährige Künstlerin, die in Wien lebt, zwei individuelle Fluchtgeschichten. Es ist die Geschichte des jungen syrischen Flüchtlings Ashraf Jabbal, der seit 2014 in Deutschland lebt. Und es ist die Geschichte Alexa Dreesmanns, die als junge Frau kurz vor der Wende von der DDR in die BRD geflüchtet ist. Anna Witt bringt die beiden so unterschiedlichen Flüchtlinge zusammen und lässt sie einander von ihrer Flucht erzählen.

Keine Welle, sondern Menschen

In einem Video zeigt die Künstlerin, wie der jeweils Zuhörende das Gehörte protokolliert und es nacherzählt. Diese simple Versuchsanlage hat eine erstaunliche Wirkung – sowohl beim Betrachter des Videos als auch bei den beiden Protagonisten. Durch die Technik des Paraphrasierens vermischen sich die beiden Fluchtgeschichten, das Individuelle daran tritt zugunsten des Universellen und Verbindenden in den Hintergrund. Das aufmerksame Zuhören und das genaue Nacherzählen der Fluchtgeschichte des Gegenübers fördert ausserdem das gegenseitige Verständnis. Man beginnt, sich in den andern einzufühlen. Plötzlich ist da keine Flüchtlingswelle mehr, sondern ein Mensch mit seiner ganz persönlichen Geschichte. Besonders Alexa, die Ashrafs Geschichte anfangs noch ziemlich distanziert wiedergibt, taut im Laufe des Gesprächs merklich auf und zeigt echtes Interesse. Nora Witt bestätigt diesen Eindruck. Dies sei der schönste Moment im Projekt gewesen. Alexa arbeite mittlerweile sogar als Freiwillige in einem Flüchtlingsprojekt.

In einem zweiten Video stellen die beiden Protagonisten Teile ihrer Flucht nach und kommentieren sie. Präsentiert werden die Videoarbeiten in einer Installation mit Medienbildern aus der aktuellen Flüchtlingskrise, solchen aus der DDR und Bildern aus dem persönlichen Fotoarchiv von Alexa und Ashraf.

Nichts als die Wahrheit

Eine weitere Videoarbeit Anna Witts entstand in St. Gallen, in Zusammenarbeit mit dem Debattierclub der Universität St. Gallen. Drei junge Studenten halten eine Rede zum Thema «Warum nicht über die Wahrheit sprechen». Dabei zählt nicht ihre persönliche Meinung, sondern ihre rhetorische Überzeugungskraft. Irritationen bleiben nicht aus, denn was die zukünftige Wirtschaftselite von sich gibt, wirkt zwar sehr engagiert. Doch ob die drei wirklich daran glauben, bleibt dahingestellt.

bis 22.5.

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