Der Sog des Hier und Jetzt

In einer einzigen, atemlosen, 140minütigen Einstellung folgt Sebastian Schipper im bei der Berlinale preisgekrönten «Victoria» fünf jungen Erwachsenen durch eine Berliner Nacht. Das furiose filmische Experiment läuft ab morgen im Kino.

Walter Gaspari
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Wilder Trip durch die Berliner Nacht: Szene aus dem radikalen Filmexperiment «Victoria» mit Laia Costa, Frederick Lau und Franz Rogowski (von links). (Bild: pd)

Wilder Trip durch die Berliner Nacht: Szene aus dem radikalen Filmexperiment «Victoria» mit Laia Costa, Frederick Lau und Franz Rogowski (von links). (Bild: pd)

Als noch auf Zelluloid gedreht wurde, waren Schnitte unumgänglich, da Filmrollen etwa alle zehn Minuten gewechselt werden mussten. Doch schon Alfred Hitchcock erzeugte 1948 in «Rope – Cocktail für eine Leiche» den Eindruck einer durchgängigen Einstellung, indem er die Rollenwechsel durch Blicke auf schwarze Flächen wie einen Anzug oder Kasten kaschierte.

Kunst der langen Einstellung

Im digitalen Zeitalter gibt es diese Begrenzungen nicht mehr. Einerseits sank in einer immer schneller werdenden Zeit die durchschnittliche Einstellungslänge im Kinofilm: zwischen 1980 und 2003 von zehn auf sechs Sekunden, bei Actionfilmen liegt sie gar bei zwei bis drei Sekunden. Anderseits gibt es Regisseure, die eine bewusste Entschleunigung der Montage pflegen oder die Experimente mit einer einzigen Einstellung unternehmen.

Während freilich Oscar-Sieger «Birdman» nur scheinbar in einer Einstellung gedreht ist – in Wirklichkeit aber doch Schnitte enthält, zwischen denen Zeit verstreicht –, hat der Russe Alexander Sokurow schon vor 14 Jahren seinen «Russian Ark» ohne Schnitt gedreht. In einer einzigen 90minütigen Fahrt liess er seinen Kameramann Tilmann Büttner durch 33 Räume der St. Petersburger Eremitage und vorbei an rund 2000 Schauspielern und durch 300 Jahre russische Geschichte streifen.

Kühnes Experiment

War bei Sokurow alles genau geplant, umfasste das Drehbuch von Sebastian Schippers «Victoria» nur zwölf Seiten. Viel Raum für Improvisation gab es somit, doch vom Licht über die Schauspieler bis zu den Kamerabewegungen musste über 140 Minuten dennoch alles zusammenpassen, als nach dreiwöchigen Proben in Berlin gedreht wurde. Als es nach zwei vorangegangenen Versuchen am 27. April 2014 um 4.30 Uhr morgens zum dritten Mal «Kamera ab» hiess, ging es gleich um den ganzen Film.

Mitreissender Sog

Startend von einem Berliner Club, mit dessen wummernden Rhythmen das einzigartige Experiment einsetzt, heftet sich der norwegische Kameramann Sturla Brandt Grøvlen an die Fersen der jungen Spanierin Victoria (Laia Costa), die erst seit drei Monaten in der deutschen Hauptstadt lebt. In einer atemlosen Einstellung wird er, bis der Morgen anbricht, der jungen Frau, die in dieser Nacht vier etwa gleich alte Berliner kennenlernt und sich von ihnen sogar in einen Bankraub verwickeln lässt, durch die Strassen der Stadt folgen. Jugendliche Ausgelassenheit wird dabei zunehmend von Gewalt und einem tragischen Finale abgelöst.

Man mag zwar den Kopf schütteln angesichts des unglaubwürdigen Verhaltens der Protagonistin, doch gering wiegt dieser Einwand angesichts des mitreissenden Sogs und der Kraft, den «Victoria» durch seine Inszenierung entwickelt. Hautnah ist man in dem atmosphärisch ungemein dichten Film an den grossartig gecasteten Darstellern. Hier bleibt man nicht distanzierter Zuschauer, sondern erlebt durch das bedingungslose Hier und Jetzt, das das Erzählen in Echtzeit erzeugt, das Geschehen unmittelbar mit. Aber auch das frische und natürliche Spiel der Darsteller trägt zur mitreissenden Wirkung bei.

Schlagartig wechselnde Gefühle

Spielerisch leicht wechselt Sebastian Schipper dabei zwischen Dialogszenen und solchen, in denen er Gespräche mit Musik überdeckt, zwischen ruhigeren Momenten und frenetischer Bewegung. Der 47jährige Regisseur wirft den Zuschauer in diesem Grossstadtfilm in einen Strudel der Gefühle, deren Bandbreite sich von ausgelassenem Spiel bis bitterem Ernst spannt, von zarter Liebe bis brutaler Gewalt, von Unbeschwertheit bis zu tiefster Verzweiflung, von höchster Anspannung und enormem Druck bis zu Erleichterung.

Eine intensive, sinnliche Erfahrung ist diese in sieben Kategorien für den deutschen Filmpreis nominierte filmische Tour de force, für die Kameramann Sturla Brandt Grøvlen schon bei der Berlinale völlig zu Recht mit einem Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung ausgezeichnet wurde.

Ab Do im Kinok St. Gallen, weitere Kinos in der Region folgen