Der Sog der Heie

Dokumentarfilm Oberhalb Ennetbühl im Toggenburg steht seit einem Vierteljahrhundert die Skulptur Heie. Erst umstritten, danach vergessen: Diese Geschichte erzählt Brigitte Schmid-Gugler in einem Dokfilm. Daniel Klingenberg

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Marmor-Findling im Toggenburg: Die Skulptur Heie von Nesper Jeergaard und die Geschichten um sie herum werden zum Filmstoff. (Bild: Daniel Klingenberg)

Marmor-Findling im Toggenburg: Die Skulptur Heie von Nesper Jeergaard und die Geschichten um sie herum werden zum Filmstoff. (Bild: Daniel Klingenberg)

An überirdisch glitzernden Wintertagen ähnelt sie einer Schneeskulptur. Weiss schillernd streckt sich Heie ins Himmelblau, als erwarte sie Nachrichten. Aber wer die Finger auf ihre rauh-samtene Oberfläche legt, merkt: Hier wird Wind und Wetter getrotzt.

Heie ist ein Marmor-Aussenposten im Niemandsland namens Chabissen. Eine schmale Strasse schraubt sich vom Ennetbühler Dorfplatz in die Höhe, vorbei an Höfen mit Züchtermedaillen. Auf dieser Strasse wurde auch die vier Meter hohe und acht Tonnen schwere Carrara-Marmor-Skulptur damals, bevor man sie vergass, transportiert. Ja: Teils wurde die Strasse eigens für Heie gebaut, sehr zur Freude des Bauernstandes. Dann geht es zu Fuss weiter. Bis Heie in den weissen Wellen der Toggenburger Voralpen auftaucht: Landart im Toni-Brunner-Land. Oder mit den Worten von Brigitte Schmid-Gugler: «wie das Requisit aus einem Science-Fiction-Film, das nach den Dreharbeiten vergessen ging.»

Eine Skulptur aus Dankbarkeit

Es sind wenige Menschen, die sich in das auf 1300 Metern liegende Gebiet der Gemeinde Nesslau-Krummenau verirren. Und wer die schlanke Säule ohne Vorwissen entdeckt, denkt schon mal an eine winterliche Fata Morgana. Nicht so Walter Irniger. Der pensionierte Landarzt aus Urnäsch stiess auf einer Skiwanderung auf Heie. Obwohl er regelmässig in dem Gebiet unterwegs ist, hatte er sie nie zuvor gesehen.

Darauf lud Walter Irniger Brigitte Schmid-Gugler vor über drei Jahren zu einer Heie-Wanderung ein. Neugierig gemacht, fragte sie: Von wem und zu welchem Zweck wird eine Marmorskulptur in diese Landschaft gestellt? Und wie ist das mit der Erlaubnis in einem Land, in dem Baubewilligungen etwa so schwer zu erhalten sind wie der Schweizer Pass?

Die Nachforschungen ergaben ein eigenartiges Bild. Die Skulptur war 1985 von einem Zürcher Ehepaar aufgestellt worden, das seine «Dankbarkeit gegenüber der Schöpfung» damit ausdrücken wollte. Und der damalige Gemeinderat hatte die Bewilligung für das Aufstellen durchgewinkt.

Heie im Dornröschenschlaf

Hitzige Kontroversen, gut dokumentiert und gehütet in der Kugel auf der Ennetbühler Kirchturmspitze, gab es erst, als Heie stand. Der Naturschutz erreichte, dass eine Bergahorn-Gruppe rundherum gepflanzt wurde. Um sie dahinter zu verstecken. Der Sturm Lothar durchkreuzte diese Pläne: Er mähte bis auf einen Baum alle nieder. Und weder die Gemeinde noch das Stifter-Ehepaar wollten Heie, die auch spöttisch «Knochen» genannt wird, und die Kontroverse um sie öffentlich machen. So blieb sie bis zur Entdeckung durch Walter Irniger im Dornröschenschlaf.

Das allerdings ergibt noch keinen Dokumentarfilm. Hinzu kommen Geschichten. Für Brigitte Schmid-Gugler, Kulturredaktorin mit dem Flair, Menschen zum Sprechen zu bringen, hat sich bei der Heie «ein Mosaiksteinchen zum anderen gefügt». Die Menschen rund um die Skulptur beginnen zu reden: Bewohner von Ennetbühl, Sennen der Alp Chabissen, damalige Entscheidungsträger. Mit dem Stifter-Ehepaar Weingärtner, dem dänischen Künstler Jesper Neergaard, der Heie geschaffen hat, und Walter Irniger entfalten sich Lebensfragen. Wie ein roter Faden zieht sich die Frage nach der Kunst im öffentlichen Raum und danach, was davon ins eigene Leben zurückstrahlt, durch die Gespräche.

Krüsi-Filmer als Kameramann

Heie wird zur Geschichtenmaschine, und sie selber beginnt zu erzählen. Unzählige Male hat Brigitte Schmid-Gugler sie besucht. In der Watte von Frühnebeln und im Herbstföhn, wenn Säntis und Stockberg über einen herzufallen scheinen. An Heie kann man sich anlehnen, wie eine Kuh den Rücken kratzen, mit Blick auf Kuhfladen. Richi und Sonja, zwei Liebende, haben ihre Namen eingeritzt. Ist Heie Sinnbild für zwei zusammengewachsene Hände, die sich nach oben öffnen? Oder wettert eine Faust gegen den Himmel? «Heie» hat zwar eine Bedeutung in nordischen Sprachen: «Bergrücken, wo Friede weilt». Neergaard will ihn aber nicht als sprechenden Namen verstanden wissen, er sei aus einer Zahlenspielerei entstanden.

Kran auf weichem Untergrund

Damit war die Filmidee geboren. Mittelpunkt der Doku sind die Lebensgeschichten, die sich in Heie bündeln. In ihrem Bann begegnet man Paul Weingärtner, Walter Irniger und Jesper Neergaard als Menschen, die mit Gespür für die Unendlichkeit und die menschliche Erdenschwere ihren Weg erzählen, samt dem Widersprüchlichen. Der gegen oben offene und in der Erde verankerte Marmorblock ist Anstoss für die Reise ins Innere.

Im letzten Jahr erarbeitete Brigitte Schmid-Gugler das Konzept; der erfahrene St. Galler Filmer Andreas Baumberger, Autor des Hans-Krüsi-Porträts, stieg ein. Die Kantone St. Gallen und Appenzell AR, die Stadt St. Gallen sowie Stiftungen und weitere Institutionen unterstützen den Film. Fünfzehn Drehtage waren in dem Low-Budget-Projekt budgetiert.

Damit Heie umkreist und gezeigt werden kann, wie der Himmel sie sieht, wurde mit einem Kran gearbeitet – ein heikles Unterfangen in dem Hochmoor-Gebiet.

Zehn Stunden Gespräche und acht Stunden Aufnahmen in der Natur liegen nun vor. Damit ist die Doku auf der Zielgeraden. Derzeit wird im Atelier geschnitten, das Material gesichtet und für die rund 55 Filmminuten reduziert und verdichtet. Zusammen mit Andreas Baumberger und dem Cutter Hardy Fussenegger beugt sich Brigitte Schmid-Gugler über die Heie-Bilder, Schnitt für Schnitt. Die Arbeit ist Neuland, «Heie» ist Brigitte Schmid-Guglers erster Dokfilm.

Am 3. April hat er im Kinok in der Lokremise St. Gallen Premiere. Später folgen Aufführungen im Wattwiler Kino Passerelle. Gleichzeitig erscheint ein Werkbuch mit Begleitgeschichten und den Briefwechseln der Beteiligten.