Der singende Seelsorger

Der Graf nimmt mit dem finalen Album «Gipfelstürmer» Abschied von seiner Band Unheilig und den Fans. Noch ein letztes Mal wollen Unheilig hoch hinaus, bevor 2016 Schluss sein soll.

Oliver Seifert
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Der Graf blickt auf «Gipfelstürmer» zurück und voraus. (Bild: pd/Erik Weiss)

Der Graf blickt auf «Gipfelstürmer» zurück und voraus. (Bild: pd/Erik Weiss)

Auf dem Albumcover zu sehen: Eine Dampflok, die viel Dampf macht, während sie sich inmitten eines eindrucksvollen Bergmassivs die Schienen entlang quält. Auf dem Album zu hören: Eine Dampflok, die viel Dampf macht, während sie sich inmitten einer eindrucksvollen Bergmassivs die Schienen entlang quält. Der erste Song trägt deshalb den Titel «Der Berg (Intro)».

Das ist das Wunderbare an der Kunst, wie sie von Unheilig betrieben wird: Sie erklärt sich von selbst. Sie ist leicht verständlich. Sie richtet sich nicht an wenige, sondern an alle. Verantwortung dafür trägt der Graf, wie er sich nennen lässt, Alter unbekannt, ein Mann des dramatischen Wortes zu dramatischer Musik, der mit schwarzem Gehrock, weissem Hemd und schwarzer Krawatte seinen Dienst verrichtet. Er hat eine Mission: Trost spenden, Mut machen, Kraft geben, Liebe schenken. Es ist eine Dienstleistung am Menschen, die voller Tatendrang und Mitgefühl verrichtet wird.

Alles gesagt, alles gesungen

Damit ist der Graf gross rausgekommen. 15 Jahre praktische, bandgestützte Lebensberatung und -hilfe, die sich auf acht Alben erstreckt. Mit dem Song «Geboren, um zu leben» hat er die deutschen Trauercharts, die Hitliste bei Beerdigungen, aufgemischt, mit dem Album «Grosse Freiheit» Herbert Grönemeyers 1988er-Klassiker «Ö» von der Spitze der ewigen deutschen Charts gestossen. Als der Graf mit seiner Band Unheilig anfing, erfreuten sie die stets melancholisch gestimmte Gothic-Szene, heute erfreuen sie eine ganze – oft melancholisch gestimmte – Gesellschaft.

Damit soll ab 2016 Schluss sein, wie der Graf in einem offenen Brief im Oktober kundtat. Er will nicht mehr singender Seelsorger sein. Er muss auch nicht mehr. Denn es ist alles gesagt und gesungen. Noch ein letztes Mal wollen Unheilig hoch hinaus. Sie wollen, wie so oft in den vergangenen vier Jahren, den Gipfel stürmen. Von oben blickt der Graf zurück und voraus, denkt über das Leben nach und die Liebe. Seine stets rührseligen Texte pendeln zwischen Zeit und Ewigkeit, Träumen und Glauben, Licht und Dunkel, Freundschaft und Gemeinschaft, Angst besiegen und Hoffnung machen.

Der Schlager ist nicht fern

Eigentlich sagen die Titel alles. «Zeit zu gehen», «Held für einen Tag», «Hand in Hand». Viel mehr, als draufsteht, ist auch nicht drin. Das effektive Prinzip der Textherstellung findet seine Perfektionierung im Stück «Die Weisheiten des Lebens», das einfach Lebensweisheiten, also Redewendungen, aneinander reiht («Ende gut, alles gut»).

Was sich inhaltlich stark am Schlager orientiert, ist auch musikalisch oft nicht weit davon entfernt. Es gibt wenige schnörkellose Schlagerballaden, aber viele bombastische, mit Orchester und Pathos gepimpte Schlagerballaden. Ab und an tarnen sich die Schlagerballaden mit Versatzstücken von Dark Wave (es jubiliert der Synthesizer) und Hard Rock (es marschiert das Schlagzeug und grunzt der Sänger). Ändern tut sich an den Songs, sechzehn an der Zahl, aber nichts Grundlegendes: Die strukturelle Schlichtheit ergänzt kongenial die inhaltliche Schlichtheit. Das ist Konzept, das ist eine verbraucherfreundliche Übersichtlichkeit in unübersichtlichen Zeiten wie diesen.

Wie der Graf Abschied nimmt, ist grosses Kino (oder klingt zumindest danach). Der Graf hat mit Unheilig den Gipfel des Glücks erreicht. Carmen Nebel und Helene Fischer winken. Mehr geht nicht. Der Rückzug ins Private ist eine kluge Entscheidung.

Unheilig: Gipfelstürmer, Vertigo/Universal Music. Live: 25.4.15, Hallenstadion Zürich

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