Der Seniorenversteher: Dieser ehemalige Lehrer schreibt tiefgründige Geschichten über das Leben der Alten

Er war Lehrer, Journalist und Altersheimseelsorger. Nun schreibt Christoph Schwyzer Kurzgeschichten über den Alltag der erfahrensten Schweizerinnen und Schweizer.

Hansruedi Kugler
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Auch ohne Notizbuch ein aufmerksamer Beobachter: Schriftsteller Christoph Schwyzer am Busbahnhof Luzern.

Auch ohne Notizbuch ein aufmerksamer Beobachter: Schriftsteller Christoph Schwyzer am Busbahnhof Luzern. 

Bild: Pius Amrein

«Schauen Sie, wie die Menschen aufblühen, wenn sie Besuch bekommen, ihren Kaffee nicht allein trinken müssen, wenn ihnen jemand Fragen stellt», sagt Christoph Schwyzer. Wir sitzen in der Caféteria des grössten Altersheims in Luzern. Denn Schwyzers Kürzestgeschichten erzählen von Männern und Frauen in solchen Institutionen, am Ende ihres Lebens. Von den Tischen hört man dezentes Plaudern und Lachen. Und er bringt es gleich auf den Punkt: Das Erzählen ist das Lebenselixier, es nährt Verliebte, schafft Gemeinschaft.

Das Erzählenwollen hält Schwyzers literarische Figuren am Leben. Es ist zudem seine Rolle als Schriftsteller. Auch wenn er in Luzern spaziert und von einem Bild gepackt wird. Da sei am Bahnhof vorher gerade ein vornehm gekleideter Herr an ihm vorbeigelaufen, ein Spinnrad unter den Arm geklemmt. Vielleicht werde daraus einmal eine Geschichte.

Aus solchen Miniszenen schöpfte Schwyzer auch für seine 147 Geschichten, die er in «Der Staubwedel muss mit» erzählt. Die meisten davon sind kaum eine Seite lang. Etwa die über Frau Sommer: Plastikblumen sind ihre letzten Liebesobjekte, fürsorglich giesst sie diese und drängt dem stummen Zuhörer ein Töpfchen mit ebensolchen auf: «Nicht vergessen: einmal die Woche düngen.» Und schickt als Warnung hinterher, ihr Exmann habe die Plastikblumen leider immer verwelken lassen.

Leichtfüssige Tragikomik durchzieht das Buch. Bewundernswert, wie präzis der 45-jährige Luzerner Schriftsteller die Nähe zu seinen Figuren mit literarischer Verspieltheit kombiniert. Und dabei die skurrile Tapferkeit beschreibt, mit der Frau Sommer, Herr Lustenberger, Frau Sonntag und all die anderen auch im Altersheim am Leben hängen. Sie trotzen ihrer Einsamkeit, hadern mit einer trostlosen Lebensbilanz und drehen sich in geistiger Verwirrtheit. Christoph Schwyzer ist mit seinen literarischen Miniaturen ein lebenskluges Buch mit Zartgefühl und melancholischem Humor gelungen – ohne bleierne Schwere, ohne je ins Klamaukige zu verfallen.

Der Zufall machte den Journalisten zum Seniorenbesucher

147 Miniporträts also – 147 Männer und Frauen im Altersheim, in ihren Einzelzimmern auf Besuch wartend. Es ist die Situation, die Christoph Schwyzer vor über zehn Jahren unvermutet selbst erlebt hat. Nach einem abgebrochenen Studium in «Kreatives Schreiben» in Hildesheim sei er ohne Job und ohne Wohnung wieder in seiner alten Heimat Luzern gelandet. Ein Freund habe ihm, dem ehemaligen Primarlehrer und Lokaljournalisten, von einer offenen Stelle als Religionslehrer berichtet. Er wurde angestellt unter der Bedingung, dass er Altersheimbesuche mache.

«Ich bin ja kein Theologe, klopfte mittwochs einfach an die Türen. Die meisten hatten Freude, erzählten gern»

, sagt er,

«denn das Erzählen kann klären, vielleicht sogar heilen.»

Dass die Begegnungen und Beobachtungen Inspiration zu einem Buch werden, ahnte Schwyzer nicht.

2009 erschienen 84 Kürzestgeschichten im Band «und heim». Nun, zehn Jahre später, erweitert, überarbeitet, im neuen Verlag, die Neuauflage. 147 Geschichten erzählen von Herrn Hartmann, der sich statt Gedächtnistraining eine Methode des gezielten Vergessens wünscht; von Frau Zemp, die nur ihren Staubwedel ins Altersheim mitnimmt, weil er – aus Straussenfedern gemacht – ihr beim Abstauben tänzerische Leichtigkeit gibt.

Leseprobe aus «Der Staubwedel muss mit»

Sepp

Jetzt stellen Sie sich das einmal vor: Ich habe Geburtstag, ich werde neunzig, und dann kommt die da, dieses Weib vom Verein Frohes Alter, kommt also in mein Zimmer, tut so saufreundlich, schüttelt ständig meine Hand, zieht ein buntes Geschenkpäckli aus ihrer Tasche und legt es neben mein Weinglas. Ich reisse das Päckli auf – und wissen Sie, was zum Vorschein kommt? Nein? Ein Schuppen-Shampoo! Rausch-Anti-Schuppen-Shampoo! Das müssen Sie sich einmal vorstellen: Sie werden neunzig, neunzig Jahre alt und kriegen ein Schuppen-Shampoo geschenkt. So eine ist doch nicht normal, die spinnt! Wenn einer neunzig wird, schenkt man ihm eine Flasche Wein, eine Flasche Schnaps oder meinetwegen halt eine Schachtel Kirschstängeli, aber doch sicher nicht ein Schuppen-Shampoo!

Frau Binzegger

Auf dem weissen Tischtuch liegen die Hände miteinander im Streit. Die Fingernägel rot, perfekt lackiert von einer Naildesignerin, die Heimbesuche macht. Die eine Hand versucht die andere zu beruhigen, drückt auf den Handrücken, will sie festhalten. Doch die Hand gehorcht nicht; sie fährt über das Tischtuch, findet keine Ruhe, fährt im Kreis. Manchmal hebt sich die Hand ein wenig, und die Nägel kratzen kleinste Flecken auf dem Stoff weg. Goldene und silberne Ringe schneiden ein in die Finger. Die Handflächen aber, mit ihrer durchfurchten Schmirgelpapierhaut, erzählten von anderen Zeiten: von Rüben und Kartoffeln, von Kälte und einem Dutzend Kindern. Alle paar Sekunden zuckt und zittert die Hand, streicht Falten, Wölbungen glatt, die nur gute Augen sehen können. In gewissen Momenten blitzt die mit Edelsteinen besetzte Armbanduhr im Licht des Kronleuchters auf; ein Geschenk aus jener Zeit, als ihr Ehemann Schweine zu züchten begann, die Scheune immer grösser wurde und das Geld dermassen sprudelte, dass man damit ein neues Wohnhaus bauen, für jeden ein rechtes Auto kaufen, das Auseinanderleben jedoch nicht aufhalten konnte.

Die Geschichte mit Fremdenlegionär Strub mag Schwyzer besonders. «Er gibt sich als Draufgänger, muss dann kleinlaut eingestehen, dass er nur als Gärtner eingesetzt wurde.» Das Doppelbödige und Widersprüchliche reizt Schwyzer.

Seine Lehren aus zwei Jahren Altersheimseelsorge: Widersprüche aushalten, ohne sie als Lebenslügen zu brandmarken – das sei eine der grossen Herausforderungen, «nicht nur im Alter. Man sollte sich vom Klischee eines rundum glücklichen Lebens lösen», sagt er. Gibt es ein Rezept für ein zufriedenes Alter? «Täglich üben, täglich betrachten, täglich erzählen. Wer ein Leben lang nur Konsument war, hat es schwer. Wer einen eigenen Weg geht, braucht Mut – und gute Freunde.» Seine schönsten Erfahrungen? «Ich bewundere alte Menschen, die gelassen über Enttäuschungen in ihrem Leben erzählen können und zeigen, dass Schwieriges zum Segen werden kann.»

Der Einzelgänger mit Familie performt Gedichte mit Schlagzeug

Einen eigenen Weg geht auch Schwyzer. Der Einzelgänger ohne Handy, der kopfschüttelnd über seine frühere «zwanghafte Langstreckenrennerei» erzählt, ist nun zweifacher Vater. 2012 erschien sein Roman «Wenzel», 2013 «Jakob und der Wolldeckenvogel» über das Leben mit seinem geistig behinderten Sohn. 2014 bekam er einen Luzerner Anerkennungspreis und lebt derzeit als Texter, Kolumnist, Buchautor und Gedicht­rezitator mit Schlagzeugbegleitung (über 200 Gedichte auswendig, Robert Walser ist sein Liebling).

Keine Rückkehr in den Journalismus? Für die Reportage «Schlachten im Takt» über einen grossen Schlachthof bekam er 2001 schliesslich den BZ-Preis für Lokaljournalismus. Er lächelt: «Im Tagesgeschäft wäre ich zusammengebrochen. Ich feilte so lange an meinen Titeln herum, bis meine Kollegen entnervt waren.»

Tipp:

Der Staubwedel muss mit

Christoph Schwyzer
Limmat Verlag
185 Seiten