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Der Schweizer Paul Nizon war ein Autor der Städte, des Lebens und der Kunst

Zum 90. Geburtstag des Kunstkritikers und Autors eröffnet im Forum Schlossplatz Aarau eine vielfältige Ausstellung.
Florian Bissig
Ein Flaneur mit offenen Augen und Ohren: Autor Paul Nizon mit Hund Flen 1972 in Zürich (Foto: Willy Spiller)

Ein Flaneur mit offenen Augen und Ohren: Autor Paul Nizon mit Hund Flen 1972 in Zürich (Foto: Willy Spiller)

Unter dem Titel «Sehblitz» erschien bei Suhrkamp unlängst ein Band mit Paul Nizons Essays und Kritiken zur modernen Kunst. Erstmals war hier ausserhalb von Zeitungsarchiven und vergilbten Du-Nummern wieder nachzulesen, mit welcher Expertise, und vor allem mit welcher schöpferischen Wortgewalt sich Nizon einstmals der bildenden Kunst gewidmet hatte, und wie tief er als junger Mann in das Milieu der Ateliers und Kunsthallen eingetaucht war.

Nizon hatte während seinem Studium der Kunstgeschichte und der Promotion zu van Gogh regelmässig Kritiken geschrieben, 31-jährig wurde er zum leitenden Kunstkritiker der «Neuen Zürcher Zeitung». Schon nach acht Monaten räumte er den Posten wieder, schrieb jedoch noch jahrelang als freier Kritiker. Im Rückblick spielte Nizon seine Kunstkritik gern als Brotberuf herunter, mit dem er sich das Eigentliche, seine Schriftstellerei finanzieren musste.

Einer der beiden Herausgeber des «Sehblitz»-Bandes, der junge Aargauer Germanist und Schriftsteller Pino Dietiker, besorgt nun eine Ausstellung im Aarauer Forum Schlossplatz, welche schon im Titel die Rolle der Kunst bei Nizon in ihr Recht setzt. Paul Nizon ist ein Autor der Städte, des Lebens und der Kunst, so die These des Kurators. In seinen Paris-Romanen, allen voran «Das Jahr der Liebe», verquickt sich das Thema das Auszugs in die Weltstadt mit der literarischen Erfindung des eigenen Lebens, für die Nizon seither als Beispiel für das sogenannte autofiktionale Schreiben gehandelt wird.

Darüber hinaus jedoch sei Nizon ein «Kunstschriftsteller»: Ein Schriftsteller, einerseits, der sich auf der Höhe seines literarischen Rüstzeugs mit der zeitgenössischen Kunst, ihrer Künstlern und ihrer Produktion befasst. In der Ausstellung wird dies anhand der Künstler Karl Jakob Wegmann und Friedrich Kuhn gezeigt, die mit ein paar Werken vertreten sind. Über den Zürcher Kuhn, der in schroffem Gegensatz zu Max Bills konkreter Kunst in eigenwilliger Weise gegenständliche und phantastische Elemente verband, hatte Nizon die erste Monografie geschrieben. Dem abstrakten Glarner Maler Wegmann, der seine Atelieres jahrelang in leerstehenden Zürcher Luxusvillen installierte, widmete er ein launiges Portrait.

Einige Sätze daraus, über diesen «kühnsten Menschen» ohne jeden «Biedersinn» finden sich später wörtlich in Nizons Erzählung «Hund» wieder. Der Maler Wegmann wurde so zu einer literarischen Figur. Zu Literatur wurden überdies eine ganze Reihe von Nizons Römer Stipendiatenkollegen in seinem Roman «Canto». Und ausserdem auch ein gewisser junger Mann, der über van Gogh promoviert und in eine allzu frühe Ehe gerät: Im Roman «Stolz» inszeniert sich Nizon selbst, bis in die Details seiner Arbeit über van Gogh hinein. Allerdings lässt er Stolz sterben – und markiert damit seine Abkehr von der Kunstkritik und den Aufbruch ins Schriftstellerdasein. Nicht zuletzt greift Nizon auch in seinen poetologischen Äusserungen auf Begriffe aus der Kunst zurück, wenn er sein Schreiben als «Aktionsprosa» bezeichnet – in Anspielung an Jackson Pollocks Action Painting.

Dietiker tut gut daran, seine Ausstellung nicht zum Indizienprozess für den Kunstschrifsteller verkommen zu lassen. Der Kurator will nicht langweilen und ergänzt mit weiteren Aspekte zu Nizon. So gibt es etwa Fotos aus der Kindheit, etwa vom früh verstorbenen Vater, an den ja der «Canto» gerichtet ist, oder Korrespondenz mit Literaten-Freunden wie Frisch, Dürrenmatt oder Hermann Burger. Man sieht Nizon in seinen Pariser Wohnungen und Ateliers und schaut ihm gleichsam beim Schreiben und Redigieren über die Schulter.

Eine Installation mit Hörstationen macht schliesslich deutlich, dass Nizon als Autor keineswegs nur von visuellen Kriterien geleitet ist. Er achtet auf Klang und Rhythmus – der «Canto» trägt den Gesang gar im Titel. Beim Anhören von Entwürfen in Nizons eigener Lesung mit den endgültigen Fassungen in der Hand wird klar, dass es nicht ein bloss malerisches, sondern ein universelles künstlerisches Formbewusstsein ist, welches das letzte Wort behält.

«Paul Nizon. Arm in Arm mit der bildenden Kunst», Forum Schlossplatz, Aarau. Ab 6. Sept. 2019 bis 5. Jan. 2020. Vernissage am 5. Sept. 2019, 18.30 Uhr.

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