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Der Schriftsteller im Schlachthof

Der eine schreibt im Strandhotel, der andere recherchiert an unappetitlichem Ort. Beide sind gerade an der Buchmesse. Rundgang durch das verwirrende Frankfurter Labyrinth.
Hansruedi Kugler
Buchmesse mal anders: Kochbücher werden schmackhaft präsentiert. (Bild: Hansruedi Kugler)

Buchmesse mal anders: Kochbücher werden schmackhaft präsentiert. (Bild: Hansruedi Kugler)

Zahnärzte können nicht nur verfaulte Zähne, sondern auch den Kommunismus aus einem Menschen rausziehen – mit blosser Schmeichelei. «Ihre Gedichte sind gescheiter als ihre sonstigen Einstellungen, Herr Biermann», sagte Wolf Biermanns Zahnarzt einst in Hamburg. Biermann erzählt es an der Buchmesse in Frankfurt und viele dicht gedrängte Messebesucher hören mit. Was für ein begnadeter Erzähler praller Episoden! Wenn er seine Biographie «Warte nicht auf bessere Zeiten» vorstellt, wirkt der bald 80-Jährige mindestens 20 Jahre jünger, charismatisch, vergnügt und mit robuster Selbstironie.

Sein Buch ist eine Wucht: Was für ein Leben im zerbombten Hamburg, als junger Kommunist in der DDR und nach seiner Ausbürgerung 1976 in der BRD! Ein guter Grund, sich von einem Interview zum anderen durchzukämpfen. Kaum je sonst hat man die Gelegenheit, so viele kluge, auch umstrittene Schriftsteller, Politiker, Wissenschafter zu hören wie hier.

Taktgeber sind ARD, 3sat, arte und die Zeitungen

Natürlich ist die Buchmesse voller kurioser Dinge zwischen Kochshows und Porschemuseum. Immerhin präsentiert letzteres eigene Bücher. Das kann man vom riesigen Google-Stand nicht sagen. Dort ist eine immense Kunst-App zu entdecken und eine 3D-Brille, mit welcher sich Figuren in Kunstwerken plötzlich bewegen. Aber als Bücherwurm könnte man es sich trotzdem einfach machen: Im Frühling nach Solothurn an die Literaturtage, im Herbst nach Frankfurt reisen – und sich für je ein halbes Jahr mit Büchern eindecken.

In Frankfurt sprechen vier Gründe dagegen: Erstens darf man die Bücher erst am Sonntag kaufen, zum Schutz der lokalen Buchhandlungen. Zweitens kommt man im Gedränge kaum durch die Hallen des gigantischen Bücher-Shopping-Centers. Drittens wäre das der Tod der heimischen Buchhandlungen. Und viertens würde man das Beste der Buchmesse verpassen. Eben: Die Autoren live erleben. Taktgeber sind die ARD, 3sat, arte und die grossen Zeitungen.

Warum Martin Walker Deutsch gelernt hat

Da gesteht Krimi-Autor Martin Walker, er habe Deutsch gelernt wegen seiner Lieblingsband. Sein Kommissar Bruno sei einem befreundeten Dorfpolizisten nachempfunden. Dieser freue sich immer, wenn Touristen fragten, ob er Bruno sei. Dann folgen ein Vogelforscher, ein Kunstphilosoph, und man kann sich die besonnenen bis alarmistischen Internet-Kritiken von Timothy Garten Ash und Harald Welzer anhören. So schnell und präzis wie die junge Feministin und Muslima Sineb el Masrar ist aber keiner dieser älteren Herren: Bewundernswert, wie die Autorin von «Muslim Girls» die Selbstbestimmung junger Muslimas gegen das Patriarchat und gegen deutsche Vorurteile hochhält.

Nicht alle Literaten sind versponnene Stubenhocker. So entpuppt sich der holländische Autor Arnon Grünberg als akribischer Rechercheur. Für «Muttermale» hat er einen Notfall-Psychiater begleitet und kürzlich ein Praktikum in einem Schlachthof absolviert – als Recherche zum neuen Roman. Zu hören gab es auch die Abenteurer: Etwa den Algerier Boualem Sansal, der mit «2084 – das Ende der Welt» eine religiös-totalitäre Zukunft beschreibt. Der Zensur entgehe er mit einem Trick: «Ich gab Allah und Mohammed andere Namen.»

«Warum sollte man Osama bin Laden töten?»

Oder Leon de Winter, der mit seinem Roman «Geronimo» die letzten Tage von Osama bin Laden ganz anders erzählt als die offizielle Version der USA: «Warum sollte man einen so wichtigen Informanten töten? Ich glaube, man hält ihn versteckt.» Ein anderes Vorurteil über Literaten beseitigt er: Leon de Winter schreibt seine Bücher nicht zu Hause, sondern in einem guten Strandhotel. Nun gut, ein Bestseller-Autor kann sich das leisten.

Zum Schluss nochmals deutsche Geschichte: Schauspieler Hardy Krüger erzählt von Berliner Bombennächten. Sein grösster Wunsch damals: Einen US-Bomberpiloten kennenlernen. Das hat er dann auch, und zwar den berühmtesten, den Schauspieler-Kollegen James Stewart. Den traf er in Hollywood.

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