Der schottische Schweinehund

James McAvoy spielt in «Filth» einen Polizisten, neben dem Dirty Harry wie der gute Samariter wirkt: Gemein und korrupt. Der Schotte konnte in dieser Rolle seinen eigenen inneren Schweinehund entfesseln.

Roland Schäfli
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James McAvoy spielt in «Filth» den kokain- und alkoholsüchtigen Polizisten Bruce Robertson. (Bild: Ascot-Elite)

James McAvoy spielt in «Filth» den kokain- und alkoholsüchtigen Polizisten Bruce Robertson. (Bild: Ascot-Elite)

James McAvoy hockt im Sessel des «Dolder» und bearbeitet sein Smartphone mit zwei Daumen. Und wie er so dasitzt, hat der 1.70 m grosse, mit 34 Jahren immer noch jungenhaft wirkende Schauspieler mehr Ähnlichkeit mit einem Jugendlichen auf einer Bahnhoftreppe als mit dem Cop, den er in «Filth» so überlebensgross auf die Leinwand bringt. Doch, den Bart. Den hat er stehen lassen, weil er sich zwischen zwei Filmen nicht rasiert. Aus Faulheit? «Nein, Mann, meine Frau mag ihn. Und (greift sich in den Bart und zieht daran) mein Kind auch.» Er bietet von seinem Wasser an – nach «Filth» hätte man angenommen, es befinde sich reiner Gin in seinem Glas.

«Ich bin wirklich Schotte!»

Im Film verwandelt McAvoy sich in den Polizisten Bruce Robertson, unmoralisch, korrupt, gekrönt von perversem Humor. Wenn dieser Bad Cop in den Spiegel schaut, dann blickt er tatsächlich seinem inneren Schweinehund ins Auge. Die Verfilmung des Buchs von «Trainspotting»-Autor Irvine Welsh ist manchmal saukomisch, manchmal unverschämt, und immer nahe am menschlichen Abgrund. In diesem schauspielerischen Höllentrip überbietet McAvoy, den man schon als «Besten Jungen Schauspieler Grossbritanniens» betitelte, locker den Rekord an Masturbationsszenen. So quiekt sich der Film von Zote zu Zote, suhlt sich im gesellschaftlichen Dreck bis zu einem makabren Ende, dessen Hoffnungslosigkeit seinesgleichen sucht.

Es ist das Verdienst dieses Schauspielers, dass er dem Publikum letztlich selbst für eine solche Kreatur Verständnis abringt, um nicht zu sagen Mitleid. Eine derart starke Reaktion des Zuschauers müsste höchstes Ziel jedes Schauspielers sein. «Wenn die Zuschauer diesen Kerl lieben, sollen sie ihn richtig lieben, und wenn sie ihn hassen, sollen sie ihn wirklich hassen!» Nur wenn McAvoy so leidenschaftlich über seine Arbeit spricht, auch mal das F-Wort einfliessen lässt, kann man in den blauen Augen kurz den Schweinehund Bruce aufblitzen sehen, und fast ist man überrascht, wie fix seine Antworten sind, bei dem schweren schottischen Akzent.

Den kann er übrigens an- und ablegen wie ein Kostüm. «Ich bin wirklich Schotte!», ereifert er sich. «Aber es gibt nicht viel Arbeit da draussen für schottische Schauspieler. In 18 Jahren Schauspielerei konnte ich nur vier oder fünf schottische Charaktere darstellen. Will ich also arbeiten, muss ich den Akzent abstellen können.» Mühelos gab er deshalb für Spielberg den amerikanischen G.I. in «Band of Brothers», und ebenso leicht dürfte er demnächst in die Haut des Dr. Frankenstein schlüpfen, «der wird einen englischen Akzent haben».

Verwandlungsfähig ist James McAvoy, der dem grossen Publikum erstmals 2006 mit «The Last King of Scotland» vorführte, dass hier ein junger Schauspieler zur Selbstaufgabe bereit ist. Selbst reinen Phantasiefiguren haucht er den Atem des Lebens ein – trat er in den «Chroniken von Narnia» als Farn auf, eine Kreuzung zwischen Mensch und Ziege.

Schwarzer Humor

Und eine Kreuzung zwischen Mensch und Schweinehund zeigt er uns nun in «Filth» (deutscher Titel «Drecksau, ist leider nicht so zweideutig) – das ist ein Hochgenuss, vorausgesetzt man mag den bitteren Geschmack von schwarzem Humor. So stark ist der Part des degenerierten Polizisten, dass manche Kritiker McAvoy bereits mit Malcolm McDowells Triebtäter aus «Clockwork Orange» vergleichen. Keine Angst vor Typecasting? Der Akteur, der sich bisher noch keinen Stempel aufdrücken liess, hat sich das Risiko überlegt, fällt Karriereentscheidungen aber angstlos. «Das Publikum katalogisiert nicht – nur die Branche tut das.» Dennoch glaubt er nicht, dass er nach «Filth» keine netten Charaktere mehr angeboten bekommt.

Nachvertonen gibt es nicht

Es würde McAvoy nicht wundern, wenn auch in der Schweiz empörte Zuschauer das Kino verlassen. Auf eine perverse Art, die wieder den Bruce in ihm durchschimmern lässt, würde ihn das freuen: «Fuck knows, man!» Wie er im Film säuft und flucht, und diese Gassensprache mit dem rollenden «R» des Schottischen genüsslich begiesst, ist es schon eine Schande, dass seine Aussprache synchronisiert wird. «So was tun wir in England nicht», verteidigt der Vollblutschauspieler dieses nicht unwichtige Ausdrucksmittel.

Er selbst sieht sich seine nachvertonten Filme nicht an. «Nur einmal, da sah ich mich auf YouTube – und verstand nicht, was ich sagte. Das war wirklich ganz schön schräg.» Doch da überlegt James McAvoy nochmals, und irgendwie obsiegt in ihm eine höhere Instanz der Schauspielerei: «Da hat also ein anderer Schauspieler meine Rolle ganz neu interpretiert – irgendwie cool!»

«Filth» ab Donnerstag im Kino

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