Der schockierende Antimoralist

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Marquis de Sade (1740–1814). (Bild: Getty)

Marquis de Sade (1740–1814). (Bild: Getty)

De Sade Vergewaltigen, töten und straflos den Machtrausch geniessen: Der erzählerische Kern aller Werke des Marquis de Sade, des bösesten Schriftstellers der europäischen Kulturgeschichte, schockiert noch 200 Jahre nach seinem Tod. Die Franzosen haben von Rabelais bis Michel Houellebecq eine Tradition der literarischen Negativität – böse, oft auch «perverse» Literatur. Sadistisch, also krank? Klar, schliesslich ist der Marquis der Namensgeber für die Quällust, den Sadismus. Nach wenigen Seiten ist man angewidert. Hinschauen aber lohnt sich. De Sade greift, anders als unzählige neue Thriller, nicht nur in die Psyche verkrüppelter Individuen, sondern stellt zentrale Fragen der Moral ins Zwielicht. Er verhöhnt zynisch die christliche Moral, indem er die Vorteile der Skrupellosigkeit zeigt, er stellt den Menschen als lüsternes Raubtier ohne Gewissen dar und entlarvt den menschenverachtenden Feudalismus. Vor allem stellt er uns in der Negation indirekt die beunruhigende Frage, wie man Menschenwürde rein rational, ohne Religion begründen kann. Eine Antwort gibt er nicht. Aber in seinen Büchern entdeckt man den prophetischen Blick auf koloniale Ausbeutung und Faschismus, die den Menschen missbrauchen. De Sade lässt uns in die Hölle der Macht blicken – schauderhaft zu lesen, beunruhigend lehrreich.

Hansruedi Kugler