Der Roman liegt in der Schublade

Ralf Bruggmann hat den ersten Literaturland-Schreibwettbewerb Appenzell Ausserrhoden gewonnen. Mit seiner skurrilen Geschichte hat er Jury und Publikum überzeugt. Der 39jährige Werbetexter lebt mit seiner Familie in Speicher.

Hansruedi Kugler
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Ralf Bruggmann ist mit seinem Siegertext ein Stück lebhafte Fabulierkunst gelungen. (Bild: Daniel Ammann)

Ralf Bruggmann ist mit seinem Siegertext ein Stück lebhafte Fabulierkunst gelungen. (Bild: Daniel Ammann)

ST. GALLEN/SPEICHER. Werbetexter stellt man sich wohl so vor: Chaotisch, kreativ, extrovertiert. Bunte Hunde eben. Lernt man aber Ralf Bruggmann kennen, muss man sein Vorurteil schnell ablegen. Denn im «La buena onda», seinem St. Galler Lieblingscafé, sitzt einem ein freundlicher, ruhiger, fast schon scheuer Mann mit jugendlichem Aussehen gegenüber. «Ja, das stimmt schon, ich bin ein zurückhaltender Typ», sagt er und lächelt. «Zurückhaltend» – das Wort wird er im Gespräch noch öfters benutzen. Vielleicht sei er wegen seiner Art nach der kaufmännischen Lehre und dem Praktikum bei den St. Galler Nachrichten nicht beim Journalismus geblieben, sagt er. Wahrscheinlich habe er deswegen auch den Schritt auf die Poetry-Slam-Bühne nicht gemacht. «Und ja, im Büro sagen mir die Kollegen immer wieder, ich müsste mich im Literaturbetrieb besser verkaufen, schliesslich sei ich ja Werbetexter.» Denn sein vor drei Jahren abgeschlossener Roman «Cumulonimbus» (also Gewitterwolke), eine Selbstfindungsgeschichte mit Happy End, hat noch keinen Verlag gefunden.

Auf den Spuren Robert Walsers

Ralf Bruggmanns Siegertext beim Literaturland-Schreibwettbewerb jedenfalls würde wohl auch auf einer Poetry-Slam-Bühne einen Preis gewinnen. Es ist eine Kurzgeschichte in einem einzigen Satz: Da steht einer auf einer Telefonkabine, denkt an O-Beine und Sonnenuntergänge, an das Liebe machen in der Telefonkabine und an den Horizont mit seinen Beulen und Dissonanzen. Auch ohne Drama und Tragödie steckt hier viel drin: Eine skurrile Situation mit feinsinniger Ironie und als schelmenhafte Tagträumerei serviert. Das macht den fabulierenden Text überaus sympathisch.

Man ist versucht zu sagen, Bruggmann sei ein literarischer Nachfahre von Robert Walser. Nicht nur im Schreibstil, sondern auch in der existenziellen Situation, in die er seine Figur stellt. Denn der junge Appenzeller grundiert seine Geschichte mit einer leichten Melancholie und lässt ahnen, dass seine Figur nicht nur leicht entrückt, sondern einsam in der Welt steht. «Diese Geschichte ist eine meiner freundlicheren. Viele meiner anderen Kurzgeschichten sind um einiges düsterer, berichten von Leere und Verlorenheit», sagt Ralf Bruggmann. Ein Tagträumer sei er selbst aber nicht, sagt er.

Ein doppelter Autodidakt

Seit acht Jahren arbeitet Ralf Bruggmann bei der Kommunikationsagentur Dachcom in Rheineck, schreibt für Verkaufsunterlagen, Webseiten, Geschäftsberichte. Die tägliche Arbeit sei weit weniger ein kreatives Chaos, sondern solide Arbeit: Es gelte, komplexe Themen kurz und treffend zusammenzufassen. «Verständlichkeit ist dabei in unserem Job oberstes Ziel», sagt er. Das helfe auch für das literarische Schreiben, auch wenn dort vieles nur angedeutet wird. Eine Gemeinsamkeit haben die Bereiche bei Ralf Bruggmann: Werbung und Literatur hat er beides autodidaktisch gelernt.

Vielleicht mal ein Kinderbuch

In Herisau aufgewachsen, wohnt Ralf Bruggmann nun mit Ehefrau Danielle und den 5 und bald 7 Jahre alten Buben in Speicher – in der Wohnung über dem Kindergarten. «Ein idealer Ort für eine junge Familie – den Spielplatz und den Treffpunkt der Nachbarskinder haben wir gleich vor dem Haus.» Ganz Literat, erfindet er denn auch Gute-Nacht-Geschichten für seine Kinder. Derzeit streicht darin eine Super-Maus ihre Wohnung und geht gerne in die Zuhör-Schule. Denn von da weiss sie, warum der Himmel blau ist. Motivierende Pädagogik also. «Ich erfinde gerne Geschichten – auch ohne festes Konzept. Schwarze Pädagogik à la Struwwelpeter mag ich aber aus diesem Grund nicht», sagt er.

Gibt's die Super-Maus bald als Kinderbuch? «Gut möglich», aber ob er einen Verleger findet? So kurz nach dem Gewinn des Appenzeller Literaturpreises wäre das der richtige Moment. Vielleicht sollte er seinen Roman doch nochmals aus der Schublade nehmen. Denn dass ein Werbetexter als Literat Erfolg haben kann, beweist unter anderem der Schweizer Bestseller-Autor Martin Suter.