Der reissende Fluss spült die Lebenskrisen frei

An einem 19. Juni, nachts um vier Uhr, bricht alles zusammen. Der Rhein reisst Teile des Fundaments von Christian Hallers Haus gewaltsam mit sich. Das erschreckte Erwachen eröffnet dem Autor einen Blick in gähnende Abgründe.

Beat Mazenauer
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Christian Haller: Die verborgenen Ufer. Roman. Luchterhand, München 2015. 256 Seiten, Fr. 29.90

Christian Haller: Die verborgenen Ufer. Roman. Luchterhand, München 2015. 256 Seiten, Fr. 29.90

An einem 19. Juni, nachts um vier Uhr, bricht alles zusammen. Der Rhein reisst Teile des Fundaments von Christian Hallers Haus gewaltsam mit sich. Das erschreckte Erwachen eröffnet dem Autor einen Blick in gähnende Abgründe. Er schaut genauer hin und erkennt darin ein familiäres Muster, das er zu rekonstruieren versucht. «War es möglich, dass es keinen Fels gab, dass unser Haus auf losem Untergrund stand?», fragt sich der Autor ungläubig. Die Arbeiter finden schliesslich ein schmales Felsband, in dem sich das bedrohte Haus neu verankern lässt. Dennoch sitzt der Schock tief. Die Katastrophe hat dem Autor ein anderes Bild in Erinnerung gerufen: als er vor Jahrzehnten seine Mansarde betrat und eine Abschiedsnotiz seiner Freundin vorfand. Auch damals gab es ein schmales Band des Vertrauens, womit das Unheil abgewendet werden konnte.

Der Dichter als junger Mann

Christian Haller hat zwischen 2001 und 2006 in der «Trilogie des Erinnerns» die Geschichte seiner Familie erzählt. Die rumänischen Träume der Mutter, die Tatkraft des grossväterlichen Patriarchen und schliesslich das Scheitern des Vaters. Der Autor suchte sein familiäres Fundament zu ergründen. Mit dem drohenden Zusammenbruch seines Hauses konfrontiert, kommen die verflogenen Illusionen und Träume nochmals ans Tageslicht. Er setzt bei seiner Geburt an. Das Kind tritt nicht leicht in die Welt, bald vermag auch der Junge dem familiären Stolz nicht gerecht zu werden. Seine schulischen Leistungen sind mangelhaft, die Zunge wehrt sich gegen die Sprache. Er kompensiert sein Ungeschick im Umgang mit Kameraden durch Träume.

Verrat an der Kunst?

Archäologe möchte er werden, dann Schauspieler, schliesslich Dichter. Zugleich versteht es die vermaledeite Pädagogik jener 1950er-Jahre perfekt, allzu kühne Träume in den Senkel zu stellen. Dies gilt erst recht für das Verlangen nach Liebe und Sexualität. Wie viel Liebe und Zuneigung zu einer Frau ist möglich, ohne den Traum vom Dichter zu verraten? Diese Frage treibt den jungen Mann um. «Am Nullpunkt der Existenz» viele Jahre später, am Rand des reissenden Flusses, besinnt sich Christian Haller wieder darauf. Chronologisch rekonstruiert er sein Leben bis zu jenem Punkt, als seine Freundin ihn verlässt – und wieder zurückkommt. Die titelgebenden «verborgenen Ufer» werden von den kleinen und grossen Krisen freigespült. Allem voran die schulische Pädagogik bekommt dabei ihr Fett ab. Als er später, das Lehrerpatent im Sack, eine erste Anstellung erhält und die Misere nicht an seinen Schülern abreagieren will, wird er «mit Schimpf und Schande» weggejagt. Das ist mit berührender Gelassenheit erzählt. In all den Nöten und Zweifeln, Hoffnungen und Momenten des Erkennens durchdringen sich Glück und Unglück aufs Schönste.

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