Der rappende Milliardär

Dr. Dre ist einer der erfolgreichsten Rapper der Welt. Der Film «Straight Outta Compton», der jetzt in den Kinos startet, erzählt die Geschichte des US-Stars. Die halbe Geschichte – seine Gewalt gegen Frauen wird ausgeblendet.

Philipp Bürkler
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fc - Dr. Dre (Universal Music)

fc - Dr. Dre (Universal Music)

Seine eigene Kopfhörermarke Beats machte ihn zum Milliardär. 2014 verkaufte Dr. Dre seine Firma Beats Electronics für 3,2 Milliarden Dollar an Apple. «Beats», das ist vor allem raffiniertes Marketing mit Coolness-Faktor. Dre steht für das Musikhören der Generation Y im urbanen Raum. Wer einen der teuren Kopfhörer auf seinen Ohren trägt, zeigt Trendbewusstsein. Dabei schneiden seine Kopfhörer in Testergebnissen punkto Klangqualität teilweise miserabel ab. Das ist der jungen Kundschaft offensichtlich egal. Anders lässt sich der kommerzielle Erfolg nicht erklären.

Warten auf das dritte Album

1992 erschien sein Débutalbum «The Chronic», 1999 sein Zweites «2001». Doch eigentlich entdeckt und produziert Dre lieber andere Künstler. Eminem, Snoop Dog oder 50 Cent machte er zu Stars. Seit 16 Jahren warteten die Fans auf ein eigenes neues Album, immer wieder kündigte der Hip-Hop-Star «Detox» an. Es sollte als das grösste «unvollendete Hip-Hop-Werk» in die Geschichte eingehen. Der mittlerweile 50jährige Perfektionist scheiterte an den eigenen Qualitätsansprüchen. Vor etwa drei Wochen kündigte Dre aus dem Nichts heraus in seiner eigenen Radioshow ein neues Album an. «Compton» werde sein drittes und letztes Album. Der Altmeister kennt die Marketing-Mechanismen des 21. Jahrhunderts.

Los Angeles war die Hölle

Noch vor der regulären Veröffentlichung, war «Compton» für einige Tage exklusiv bei Apple Music zu hören. Innert sieben Tagen verzeichnete Apple 25 Millionen Streams und über eine halbe Million Downloads. Dre landete einen weiteren Marketing-Coup. Zeitgleich mit dem Album ist das Hip-Hop-Urgestein auch im Kino zu sehen. Die Filmographie «Straight Outta Compton» des Regisseurs F. Gary Gray erzählt die Anfänge der kalifornischen Hip-Hop-Kultur. Es ist die Geschichte von Dr. Dre und seinem Kumpel Ice Cube. Es ist die Geschichte von Compton, einem Vorort von Los Angeles. Dort, wo Dre und Ice Cube in den 1980er-Jahren aufgewachsen sind. Los Angeles war zu jener Zeit die Hölle. Crack und Kokain waren an jeder Ecke zu haben. Das Überangebot liess die Preise auf dem Schwarzmarkt ins Bodenlose fallen. Gleichzeitig versank die Stadt im Chaos. Gangs kontrollierten die Strassen, einige Viertel wurden für die Polizei zu No-go-Areas.

1984 trat der 19jährige André Romell Young erstmals unter dem Künstlernamen Dr. Dre als DJ auf. Mit seiner Band World Class Wreckin' Cru stand er auf der Bühne. Sein Markenzeichen: Glitzeranzüge und Lippenstift. Bis heute wird er von anderen Rappern dafür beleidigt: er sei in Tat und Wahrheit homosexuell. 1986 schminkte er sich das Lippenstiftimage ab. Mit den Rapperfreunden Arabian Prince, Eazy-E und Ice Cube gründete er die Band N.W.A. – Niggaz wit Attitude. Ihre Haltung drückte das Kollektiv in vulgärem Sprechgesang aus. Gewalt, Sexismus, Rassismus, Drogenhandel und Homophobie werden verherrlicht. «Gangsta-Rap» nennt sich das Genre.

FBI wurde nervös

«Straight Outta Compton» hat an den US-Kinokassen bereits am ersten Wochenende 60 Millionen eingespielt. Der Film fokussiert auf die Zeit von N.W.A. Der Titel «Straight Outta Compton» bezieht sich auf das gleichnamige Album von 1988. Ein Album, das damals dem FBI schlaflose Nächte bereitete. Der Song «Fuck tha Police» rufe zu Gewalt gegen die Polizei auf, reklamierte das FBI. Die Plattenfirma solle das Album aus dem Handel zurückziehen, so die Forderung. Die Verkaufszahlen explodierten darauf. «Fuck tha Police» thematisiert die Polizeigewalt gegen die schwarze Bevölkerung. Erstmals drückten Schwarze aus dem Ghetto ihre Alltagsprobleme und -sorgen in Worten aus. Szenen aus der damaligen Zeit wurden für den Film teilweise aufwendig von Schauspielern nachgestellt. Ice Cubes Sohn spielt seinen eigenen Vater vor 30 Jahren. Obwohl der Film eindrücklich die damaligen sozialen Probleme im Ghetto von L. A. sowie die Entstehungsgeschichte des Hip-Hop zeigt, blendet Regisseur F. Gary Gray wichtige Ereignisse bewusst aus. «Man könnte fünf verschiedene N.W.A.-Filme machen. Wir haben den Film gemacht, den wir machen wollten», rechtfertigt Gray sein Vorgehen.

Frauenfeindliche Texte

Nicht gezeigt wird Dres Gewalt gegen Frauen. N.W.A. machte mit frauenfeindlichen Texten Furore. Songs tragen sexistische Titel wie «A Bitch Iz a Bitch» («eine Schlampe bleibt eine Schlampe») oder «She Swallowed It» («Sie schluckte es»). Endgültig den Bogen überspannt hatte Dre 1990. An einer Party schlug er im Alkoholrausch Tairrie B, der ersten, erfolgreichen weissen Rapperin, ins Gesicht. Nur ein Jahr später verprügelte der damals 26jährige die Rapperin und Moderatorin Dee Barnes. «Dre schlug mich gnadenlos am Boden auf der Damentoilette», erinnerte sie sich kürzlich in einem Artikel. «Er schlug mein Gesicht mehrmals gegen die Wand.» Barnes moderierte damals die Hip-Hop-Sendung «Pump it up». Wenige Wochen vor der Prügel-Attacke war Ice Cube Gast in ihrer Sendung. Er hatte sich davor von N.W.A. getrennt und sich mit Dre zerstritten. In der Sendung soll Ice Cube Dr. Dre beleidigt haben.

In der aktuellen Ausgabe des «Rolling Stone»-Magazine zeigt sich Dre einsichtig. Er habe grausame Fehler im Leben begangen. «Ich wünschte, ich könnte es rückgängig machen.» Einem Künstler, der über die «harte Realität im Ghetto» rappt, hätte klar sein müssen: Zeit lässt sich – anders als eine Hip-Hop-Platte des DJs – nicht zurückdrehen.