Der Preis des Aufstiegs

Lieben und Nicht-Lieben, Abhängigkeit und Schuld – mit diesen Themen schlägt sich jede Familie herum, und wie sie zusammenhängen, wird oft erst verständlich, wenn man sie über mehrere Generationen betrachtet.

Bernadette Conrad
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Peter Orner: Liebe und Scham und Liebe, Hanser 2014, 396 S., Fr. 30.90

Peter Orner: Liebe und Scham und Liebe, Hanser 2014, 396 S., Fr. 30.90

Lieben und Nicht-Lieben, Abhängigkeit und Schuld – mit diesen Themen schlägt sich jede Familie herum, und wie sie zusammenhängen, wird oft erst verständlich, wenn man sie über mehrere Generationen betrachtet. Der amerikanische Autor Peter Orner legt mit «Liebe und Scham und Liebe» einen Mehrgenerationenroman über eine jüdische Familie in Chicago vor, der seinen Bogen bis zurück zum Ende des Zweiten Weltkriegs spannt.

Liebesbriefe aus dem Krieg

Seymour Popper war im Krieg, und er hatte seiner Ehefrau Bernice so zärtliche wie verzweifelte Liebesbriefe geschrieben. «Und diese ganze Sache ist bald zu Ende, und dann werden wir wieder vereint sein, Hand in Hand voranschreiten, und uns ein wundervolles Leben aufbauen – vielleicht mit zwei weiteren Kindern? (…) Ich komme mir vor wie ein Tier im Käfig.»

Diese Liebesbriefe aus dem Krieg durchziehen Peter Orners von Henning Ahrens übersetzten Roman wie ein roter Faden vergeblicher Sehnsucht. Denn zwar wird Seymour heil aus dem Krieg zurückkommen – zwar wird er seiner Bernice ihre Wünsche nach sozialem Aufstieg erfüllen: 1953 haben sie es geschafft und ziehen nach Highland Park, North Shore – eine Adresse, die nach Geld riecht. Aber nicht nur der Leser zweifelt, ob die neue, schicke Adresse in den Suburbs wirklich Chicago, die Stadt, wettmachen kann. Ob sie vor allem wettmachen kann, dass Bernice – seien wir ehrlich – ihren Mann Seymour nie wirklich geliebt hat und lieben wird?

Sie folgen ihren Möbeln

Eine Generation später ziehen Sohn Philip mit Frau und den zwei kleinen Buben Leo und Alexander den Eltern hinterher nach Highland Park. «Die Poppers folgen ihren Möbeln», schreibt Orner, «verwirrt, ängstlich, während die geliebte Stadt hinter ihnen zurückbleibt. Jedes Gelobte Land wirft die Frage auf, was man tun soll, nachdem man es erreicht hat.»

Orner erzählt vom Aufstiegswillen der jüdischen Familie Popper durch die Generationen. Von ihren Versuchen, auch im Filz, in den Abgründen der lokalen Politik zu bestehen – und vom Preis, den dies auch kostet: wenn die Väter plötzlich wie Fremde am Esstisch sitzen. Wenn die Ehepartner sich nichts mehr zu sagen haben.

In Peter Orners lakonischem, sehr verknapptem Erzählen ist immer genauso viel Witz verpackt – wie Schwermut. Ja, Schwermut, denn auch Alexanders Eltern Philip und Miriam scheiterten irgendwann an der Liebe. Und seine eigene kleine Tochter wird Alexander überhaupt nur noch zu geregelten Besuchszeiten treffen.

Ob jüdisch oder nicht, ob Chicago oder Vorstadt – Familienleben bleibt endlos kompliziert. Aber es ist voll von traurig-komischen, liebenswerten kleinen Geschichten, denen man gern zuhört. Von diesen erzählt uns Peter Orner viel.