Der Poet und der Tod

Christian Uetz legt mit Sunderwarumbe ein aussergewöhnliches, stark autobiographisches Buch vor. Aussergewöhnlich ist auch der Thurgauer selber, seine Auftritte sind legendär. Eine Begegnung in Zürich zeigt ihn von der ruhigen Seite. Rolf App

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«Meine Bücher sind so schmal wie ich», sagt Christian Uetz, der Poet aus dem Thurgau. (Bild: Hanspeter Schiess)

«Meine Bücher sind so schmal wie ich», sagt Christian Uetz, der Poet aus dem Thurgau. (Bild: Hanspeter Schiess)

Christian Uetz lebt in freudiger Erwartung, als wir uns an einem heissen Tag in Zürich treffen. In freudiger Erwartung – und in Ungeduld. Sein Buch ist fertig. Es ist gedruckt. Es soll schön geworden sein, mit abgerundeten Ecken, der Einband in «bischöflichem Pink», wie er es nennt. «Es ist eine Anlehnung ans Gebetbuch», sagt er, «ich liebe das.» Doch das Buch ist erst auf dem Weg. Die Post hat es noch nicht geschafft, seinen Autor auch zu beliefern.

Nach Göttingen zur Freundin

Christian Uetz möchte gern nach Göttingen zu seiner Freundin, aber er möchte – nein: muss – auch warten auf sein Buch. Zwei Jahre Schreib-Arbeit stecken darin, zwanzig Jahre Denk-Arbeit. Und die gewiss nicht einfache Suche nach einer Form für das, was er zu sagen hat. Wie immer bei ihm ist etwas ganz Eigenes entstanden. Roman? Tagebuch? Philosophisches Traktat? Sexuelle Entwicklungsgeschichte? Beziehungsdrama? Sterbensdrama? Alles irgendwie richtig – und doch nur zu einem Teil. «Sunderwarumbe»: Das Buch bleibt reizvoll- rätselhaft wie sein Titel.

Zum Inhalt: Da lebt in Romanshorn ein alter Mann von bäuerlicher Herkunft, aber mit ausgeprägt philosophischen Neigungen, der sich den Philosophennamen Hieronymus Sunderwarumbe gegeben hat. Er liegt im Spital, neunzigjährig, will sterben, isst nichts mehr. Täglich besucht ihn Georg, sein Neffe, mit dem er schon sehr lange eine enge Beziehung pflegt. Zusammen lesen sie philosophische Werke, auch sehr Persönliches tauschen sie aus.

Sterbewesen Mensch

Diesem Georg hinterlässt Sunderwarumbe nun all seine Papiere, Tausende von Seiten, mit philosophischen Gedanken, aber auch mit dem Bekenntnis sexuellen Begehrens dem Jüngeren gegenüber. Georg indes sucht andere Erfahrungen, er ist wild auf die Frauen. Er emanzipiert sich.

In lockerer Form wird die Geschichte von Sunderwarumbe und Georg nun als eine Art Tagebuch ausgebreitet, manches aus Sunderwarumbes Sicht, manches aus der Sicht des Ich-Erzählers. Zwanglos gehen die Themen ineinander über, immer wieder klingt das Grundthema an: «Nicht überleben, sterben muss man wollen!» Und sich im Leben auf das Sterben vorbereiten. Denn «der Mensch kann auf den Tod zugehen und darin fündig werden». Vielleicht ist sogar der Terrorismus ein «Aufstand des Sterbewesens gegen die Monomanie des Lebenserfolgsfetischismus!» Eine scharfe Zeitkritik klingt an in solchen Sätzen.

Loblied der Liebe

Auf der andern Seite steht das Loblied der Liebe, steht die Ekstase. Denn ohne Ekstase «ist alles Leben ohne Salz und aller Geist ohne Feuer und alles Gras ohne Blume», schreibt Christian Uetz, den grossen Poeten verratend. Georg verliebt sich, lernt die Sexualität kennen, wird dabei sterblich und lebendiger denn je. Lernt erotische Göttinnen kennen – und sich selber. Und erkennt: «Genau weil das Universum leer ist und kalt, ist es an uns, es im Gedanken mit Liebe und Wärme und Herzlichkeit zu füllen.»

Der Weg zur Poesie

So eigenwillig wie dieses – stark autobiographische – Buch ist der Mensch, der es erschaffen hat. Eigenwillig und freundlich. «Ich bin in Egnach in einer Käserei aufgewachsen», erzählt Christian Uetz. «Zusammen mit vier Geschwistern. Oft habe ich auch in der Käserei gearbeitet.»

Dann besucht er das Lehrerseminar, gibt auch ein Jahr lang Schule, in Wängi im Hinterthurgau. Doch ist da ein Wissens- und Entwicklungsdrang in ihm, der ihn weitertreibt. Er fängt an mit Querflöte am Konservatorium – bis ihm der Lehrer sagt, er werde mittelmässig bleiben. Wechselt an die Universität Zürich, vergräbt sich in Philosophie und Altgriechisch. Liest Platon, Homer und Sophokles mit Leidenschaft, lernt Heidegger kennen – und schreibt Gedichte. «Schon am Lehrerseminar hat mir der Freifach-Philosophielehrer gesagt, es sei ein ganz grosses philosophisches Fragen in mir», erinnert Christian Uetz sich. «Ich habe das selber nicht so bemerkt. Aber von dem Moment an, da ich zu diesem Onkel bin, der mir dann sehr wichtig wurde, wollte ich nicht mehr aufhören. Ich wollte diese Eindrücke auch sofort in Gedichtform fassen.»

Die erste Performance

Über Jahre hinweg studieren die beiden philosophische Texte. Stellen sich den wichtigen Fragen um Leben und Tod. Setzen fort, was Christian Uetz im Studium begonnen hat. Dort eckt er auch an. Im Buch beschreibt er lebhaft, wie einer seiner Lehrer, Hermann Lübbe, ganz entsetzt auf einen Vortrag reagiert. Mag sein, dass ihn da schon das Performance-Genie zeigt. Christian Uetz erinnert sich genau an seinen ersten Auftritt. Am 13. August 1991 liest er im «Löwen» in Sommeri vor Freunden eigene Gedichte. «Ich hatte noch ein Manuskript bei mir, doch schon an der Türe sprudelte es aus mir heraus. Ich hatte das Gefühl: Wenn ich jetzt mein Manuskript in die Hand nehme, dann lüge ich. Auch nachher habe ich niemals abgelesen.»

Atemberaubende Wortkaskaden

Christian Uetz zu hören ist ein Erlebnis. «Wer schon einmal erlebt hat, wie Uetz seine Texte in atemberaubenden Wortkaskaden dem Publikum gleichsam in den Schlund wirft, wird diese Performance so schnell nicht vergessen», charakterisiert ihn der Literaturwissenschafter Mario Andreotti. «Eine Macht ist in diesen rhythmisierten Texten, ein Sog in der lautmalerischen Sprache, die von Verschiebungen, Auslassungen und Verdoppelungen lebt.»

Auch wenn er immer wieder Unterstützung in Form von Stipendien und Preisen bekommt: Die Opfer sind gross, die Christian Uetz bringt. «Manchmal bin ich knapp vor null, aber ich brauche wenig», sagt er. «Meine Bücher sind so schmal wie ich.» Doch das Vertrauen trägt ihn, und dieses Vertrauen kommt vom Glauben. Von der «Hingabe an etwas, das mehr ist als unser Leben».

«Sunderwarumbe» handelt vom Sterben. Wie möchte er selber sterben? «Ekstatisch, orgasmisch. Im Tanz. In der Nacktheit.»

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