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«Jetzt heisst unser Ziel: Umsturz des Regimes»: Der Philosoph Jean-Paul Sartre und seine Revolutionsromantik

Einen seiner letzten grossen Auftritte hat er während der 68er-Unruhen gehabt. Jetzt wirft eine Biografie einen frischen Blick auf Leben und Schaffen des unermüdlichen Jean-Paul Sartre.
Rolf App
Ein legendäres Intellektuellenpaar: Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. (Bild: Jean-Pierre Bonnotte/Getty)

Ein legendäres Intellektuellenpaar: Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. (Bild: Jean-Pierre Bonnotte/Getty)

Im Mai 1968 kommt es in Paris zu einer interessanten Begegnung. Der alte Philosoph Jean-Paul Sartre trifft den jungen Studentenführer Daniel Cohn-Bendit zu einem langen Gespräch. «Jetzt heisst unser Ziel: Umsturz des Regimes», fasst Cohn-Bendit die Lage zusammen.

Was beide wissen: die Gewerkschaften und die Kommunisten schliessen sich den Studentenunruhen nicht an. Was beide ahnen: Charles de Gaulle, der Staatspräsident, wird die Oberhand behalten. Und schon bald muss Sartre den nächsten Tiefschlag verkraften: Im August marschieren sowjetische Truppen in die Tschechoslowakei ein. Es ist sein endgültiger Bruch mit der Sowjetunion, die er bisher immer verteidigt hat.

«So hässlich, wie ein Mensch nur sein konnte»

Doch der damals 63-Jährige, dem der britische Philosoph Gary Cox jetzt eine lebendig geschriebene Biografie widmet, ist so leicht nicht aus dem Tritt zu bringen. Cox geht durchaus kritisch mit ihm um, gleichwohl schreibt er schon im Vorwort:

«Sartre war ein Genie - dessentwegen, was er tat, und aufgrund der vielen ausserordentlichen philosophischen und literarischen Werke, die er in den 74 Jahren und zehn Monaten schuf, die er lebte.»

Sartres Ausdauer, ja Arbeitswut war dabei so legendär wie sein Konsum an Aufputschmitteln und die ewige Zigarette in seinem Mund. Oder wie sein Bedürfnis, immer wieder neue Frauen zu verführen. Obwohl er, wie der Regisseur John Houston abschätzig feststellte, «ein Fass von einem Menschen ist und so hässlich, wie ein Mensch nur sein kann. Sein Gesicht war aufgedunsen und narbig, die Zähne waren gelb und er schielte. Er trug einen grauen Anzug, ein weisses Hemd, Krawatte und Weste. Er sah immer gleich aus. Wenn er morgens herunterkam, trug er seinen Anzug, und nachts war es noch immer das letzte, das er trug.»

Es ist Sartre, der Bourgeois, der einem da entgegentritt, und dessen Revolutionsromantik sich aus dem Hass gegen die eigene Herkunft nährt. Überzeugt von der eigenen Mission, findet er schon früh, jene Frau, die ihn sein Leben lang begleiten wird, auch wenn er immer wieder seine anderen Liebschaften hat: Simone de Beauvoir, mindestens so klug wie er, und heute fast noch berühmter. «Er war der Doppelgänger, in dem ich in einer Art von Verklärung alles wiederfand, wovon ich auch selber besessen war», beschreibt sie später ihre erste Begegnung mit Sartre.

Die Freundschaft mit Camus und der Bruch

Sartre will Schriftsteller und Philosoph zugleich sein. In Romanen wie «Das Ekel» oder dem Romanzyklus «Die Wege der Freiheit», in Theaterstücken wie «Geschlossene Gesellschaft» oder «Die schmutzigen Hände», in Biografien wie «Der Idiot der Familie» gibt er jenen Gedanken Ausdruck, die er in seinen philosophischen Werken, vor allem in «Das Sein und das Nichts» entwickelt. Zusammen mit Albert Camus wird Sartre zum Begründer des Existenzialismus. Der Mensch, glauben sie, muss radikal frei sein, er muss zum Schöpfer seiner selbst werden.

Lange sind sie befreundet. Dann treibt sie die Politik auseinander. Der Krieg ist zu Ende, Sartre gründet die Zeitschrift «Les Temps modernes», die zu seinem Sprachrohr wird. Und zum Ort seiner Verirrungen. Das Endziel des Sozialismus heilige die Mittel revolutionärer Gewalt, verkündet er. Die stalinistischen Arbeits­lager seien nicht so schlimm wie die nationalsozialistischen, weil sie eine Bewegung auf die klassenlose Gesellschaft zu seien.

Raymond Aron, einst ein Mitstreiter, wird später ein Buch mit dem Titel «Opium für Intellektuelle» schreiben, in dem er diesen Marxismus als die Religion vieler Intellektueller beschreibt, die sie blind gemacht habe für die Vorzüge des Kapitalismus und der Demokratie.

Gary Cox: Jean-Paul Sartre. Existenzialismus und Exzess, Theiss, 267 S., Fr. 40.–

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