Der Patchwork-«Ring»

Frank Castorfs «Ring des Nibelungen» ist in Bayreuth am Mittwoch mit einem Buhkonzert für den Regisseur zu Ende gegangen – und mit Applaus für den Dirigenten Kirill Petrenko.

Rolf App
Merken
Drucken
Teilen
Die Walküre: Anja Kampe (Sieglinde) und Johan Botha (Siegmund).

Die Walküre: Anja Kampe (Sieglinde) und Johan Botha (Siegmund).

«Der Ring ist nicht deutbar, er hat eine fröhliche Anarchie», hat der Regisseur Frank Castorf in einem Radiointerview über Richard Wagners vierteiliges Bühnenwerk «Der Ring des Nibelungen» gesagt, dessen letzter Teil, «Götterdämmerung», am Mittwoch Premiere hatte. «Ich kann da nicht zu einer einfachen Wahrheit kommen.» Und doch, eine einfache Wahrheit des «Hassers der Geldwirtschaft» (Castorf über Wagner) liegt in der Bemerkung des diesjährigen Bayreuth-Regisseurs, dass wir «an unserer Gier zugrunde gehen werden».

Eine Geschichte der Gier

Genau dies nämlich erzählt, mythisch verklausuliert und in den Bildern seiner Zeit, der «Ring» in seinen vier Teilen «Das Rheingold», «Die Walküre», «Siegfried» und «Götterdämmerung». Wobei sich, gerade in Bayreuth, an der jeweiligen Deutung die Gemüter erhitzen. Diesmal sogar ziemlich stark: Zum Abschluss zeigt sich am Mittwoch das Regieteam auf der Bühne und wird mit einem neunminütigen Buhkonzert empfangen.

Castorf macht ironische Gesten, tippt sich an die Schläfen, bis der Dirigent Kirill Petrenko die Situation entschärft. Ihm bleibt ein solches Missmut-Gewitter erspart. Abend für Abend ist er für seinen gelungenen Balanceakt zwischen Orchester- und Bühnenklang mit Applaus bedacht worden, auch die Kritik lobt ihn für einen samtigen, in vielen Farben schillernden und luftig-tänzerischen Klang, der den Stimmen der Sänger Raum lässt. Petrenkos Wagner ist ein Wagner für heute – was bei Castorf indes bezweifelt wird.

In Wagners «Ring» geht es um das Gold, das die Welt ins Verderben treibt. Jeder will diesen Ring, der Weltherrschaft verheisst, jeden stürzt er ins Unglück. Hass gebiert Hass, die Gegenmacht der Liebe, die es vor allem in der «Walküre» auch gibt, kommt gegen die kollektive Gier nicht an.

Die Spur des Erdöls

Was ist das Gold unserer Zeit, hat Castorf sich gefragt, und ist rasch auf das Öl gekommen, um dessen Geschichte er nun ein buntes, mit Videoproduktionen um eine zweite Ebene ergänztes Kaleidoskop entwirft. «Das Rheingold» siedelt er im Wilden Westen an, die Protagonisten sind Ganoven und Flittchen, «Die Walküre» auf einer Ölbohrstation in Baku. Für «Siegfried» lässt er den Bühnenbildner Alexandar Denic einen kommunistischen Mount Rushmore bauen, die «Götterdämmerung» spielt teils in New Yorks Wall Street, teils im Berlin der Nachwende-Zeit. Siegfried und Brünnhilde hausen vor dem von Christo verpackten Reichstag.

Als diese Brünnhilde hat sich Catherine Foster mit ihrem angenehm leichten Sopran zum Publikumsliebling gemausert. Viel Lob ernteten auch Wolfgang Koch als Wotan, Anja Kampe als Sieglinde und Burkhard Ulrich als Mime, während Johan Botha als Siegmund, Lance Ryan als Siegfried und Attila Jun als Hagen eher enttäuschten.

Die Macht des Optischen

Das Urteil der Kritiker fällt ungnädig aus. «Die Welt» sieht die Reaktion des Publikums als Quittung für einen collagenhaften und oft unlogischen Patchwork-«Ring». Die «Frankfurter Allgemeine» meint: zu viele Bilder, zu wenig Geschichte, die NZZ stört sich am szenischen Aktionismus und an der Macht, mit der sich das Optische ins Zentrum schiebt.

Siegfried: Burkhard Ulrich (Mime) und Lance Ryan (Siegfried). (Bilder: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath)

Siegfried: Burkhard Ulrich (Mime) und Lance Ryan (Siegfried). (Bilder: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath)