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Antonio Ligabue – die Werke des «Ostschweizer Van Gogh» sind erstmals in St.Gallen zu sehen

Vor hundert Jahren wurde Antonio Ligabue ausgewiesen wie ein Verbrecher, heute nennt man ihn den «Schweizer Van Gogh». Das Museum im Lagerhaus St. Gallen stellt seine Werke zum ersten Mal in der verlorenen Heimat aus. Eine späte Wiedergutmachung.
Christina Genova
Antonio Ligabues Selbstporträts erinnern an jene Van Goghs. (Bild: PD/Privatsammlung)

Antonio Ligabues Selbstporträts erinnern an jene Van Goghs. (Bild: PD/Privatsammlung)

Ein Regierungsrat, der St. Galler Stadtpräsident und sogar der Botschafter von Italien erwiesen Antonio Ligabue an der Vernissage am Montagabend im Museum im Lagerhaus St. Gallen die Ehre. Die Werke des Aussenseiterkünstlers, der in Italien als italienischer Van Gogh gefeiert wird, werden erstmals in der Ostschweiz ausgestellt. Seine Bilder haben geschafft, was ihm zeitlebens vergönnt blieb – die Rückkehr in seine Heimat. Die Ausstellung «Der Schweizer Van Gogh» ist eine späte Wiedergutmachung: Vor hundert Jahren, im Mai 1919, wird Ligabue von den Schweizer Behörden nach Italien abgeschoben. Die ersten 20 Lebensjahre hat er in der Ostschweiz verbracht: Er lebte in Egnach, St. Gallen, Marbach, Pfäfers, Thal und Romanshorn.

Schwachsinnig und gemeingefährlich

Verbrochen hat Antonio Ligabue rein gar nichts: Seine «Vergehen» sind ein unsteter Lebenswandel und Konflikte mit den Pflegeeltern. Verheerend ist die Diagnose von Carl Friedrich Imboden, Psychiater am Kantonsspital St. Gallen. Er sei ein «ausge­sprochen schwachsinniger und ­gemeingefährlicher Mensch» schreibt er in einem Gutachten. Aufgespürt hat es der emeritierte HSG-Professor Renato Martinoni, der seit einigen Jahren Ligabues Schweizer Biografie erforscht. Mit Archivalien dokumentiert er erstmals die Spuren, die der Künstler in Ostschweizer Behördenakten hinterlassen hat.

Monika Jagfeld, die Leiterin des Museums im Lagerhaus, setzt Ligabues Schaffen in Bezug zu anderen Ostschweizer Künstlern. Gut möglich, dass dieser, als er als Tagelöhner von Hof zu Hof zog, mit Werken von Appenzeller Bauernmalern in Kontakt gekommen ist. Werke von Bartholomäus Lämmler, Christoph Sebastian Allgöwer oder Johannes Zülle ergänzen deshalb die Ausstellung.

Gut gebrüllt, Tiger. Ligabue malte mit Vorliebe Raubtiere im Kampf oder mit erlegter Beute. (PD/Privatsammlung)

Gut gebrüllt, Tiger. Ligabue malte mit Vorliebe Raubtiere im Kampf oder mit erlegter Beute. (PD/Privatsammlung)

Nachdem sich Antonio Ligabues Pflegemutter zum wiederholten Mal bei der Gemeinde Romanshorn über ihn beschwert hat, will man den schwierigen jungen Mann ein für alle Mal loswerden. Doch was man auf Beamtendeutsch beschönigend als «Heimschaffung» bezeichnet, ist für Antonio Ligabue eine existenzielle Katastrophe. Die Raubtiere mit aufgerissenen Mäulern, die er mit Vorliebe malt, und von denen in der Ausstellung mehrere zu sehen sind, erscheinen vor diesem Hintergrund wie Schreie der Ohnmacht und der Verzweiflung. Auch im Kampf stellt er die Tiere gern dar, eine Metapher für seinen Kampf ums Überleben.

Interessant sind die Parallelen zu Adolf Dietrich, einem anderen künstlerischen Autodidakten aus der Ostschweiz. Wie bei Ligabue fällt dessen Zeichentalent schon in der Schule auf, auch er malte gerne Tiere. Von Dietrich ist die Kohlezeichnung eines Tigers aus seiner Schulzeit zu sehen, ein ähnlicher ist auch auf vielen Bildern Ligabues zu finden. Er wurde offenbar nach einer Vorlage gezeichnet.

Ausschaffung nach Gualtieri: Antonio Ligabue hält die traumatische Erfahrung in seinem Gemälde «Diligenza con cavalli» fest. (PD/Courtesy Galleria Centro Steccata, Parma

Ausschaffung nach Gualtieri: Antonio Ligabue hält die traumatische Erfahrung in seinem Gemälde «Diligenza con cavalli» fest. (PD/Courtesy Galleria Centro Steccata, Parma

Auf dem Papier ist Antonio Ligabue zwar Italiener, hat aber ab dem Alter von neun Monaten bei Schweizer Pflegeeltern gelebt. Er spricht nur Schweizerdeutsch und kein Wort Italienisch. Seine abgrundtiefe Verlorenheit bei der Ankunft in Gualtieri, dem Dorf in der Provinz Reggio Emilia, wohin man ihn bringt, kann man nur erahnen. Er kennt dort keine Menschenseele, es ist der Heimatort seines Stiefvaters.

In einem der Gemälde hat Ligabue das traumatische Erlebnis der Ausschaffung verarbeitet. Man sieht ihn klein und zusammengesunken in einer Kutsche, eingerahmt von drei Carabinieri. Im Hintergrund ist ein Dorf zu sehen. Die Häuser haben spitze Giebel, die Kirche besitzt zwei Zwiebeltürme. ­Beides findet man nicht in der Poebene, sondern in der Ostschweiz. Aus der Erinnerung malt er in seinen Werken immer wieder die Landschaften seiner Kindheit. Wenn schon eine Rückkehr in die Ostschweiz unmöglich war, wollte er sie wenigstens in seiner Kunst festhalten.

Motorräder im Tausch gegen Bilder

Eine Eule mit ihrer Beute. Bronzeplastik von Antonio Ligabue. (PD/Privatsammlung).

Eine Eule mit ihrer Beute. Bronzeplastik von Antonio Ligabue. (PD/Privatsammlung).

In Gualtieri lebte Antonio Ligabue im Wald, am Ufer des Po, in Hütten und Scheunen. Er arbeitet als Tagelöhner und auf ­Bauernhöfen. «Al matt», der Verrückte, oder «al tedesch», der Deutsche, nennen ihn die Einheimischen. Daneben malt und zeichnet er und modelliert Tiere aus Tonerde. Mehrere Bronzeabgüsse sind in der Ausstellung zu sehen und zeigen die anatomische Genauigkeit, mit welcher er Ziegen, Hunde oder gar eine Hyäne darstellte. «Er wollte ein Künstler sein. Das hat ihn gerettet», sagt Sandro Parmiggiani, Ligabue-Kenner und Co-Kurator der Ausstellung. 1928 trifft Ligabue den Künstler Marino Mazzacurati, der ihn fördert. Erst in den 1950er-Jahren kommt der künstlerische Durchbruch. 1965 stirbt Ligabue in Gualtieri.

Antonio Ligabue porträtiert sich stolz als erfolgreicher Maler mit Staffelei und roter Moto Guzzi. (Bild: PD/Privatsammlung)

Antonio Ligabue porträtiert sich stolz als erfolgreicher Maler mit Staffelei und roter Moto Guzzi. (Bild: PD/Privatsammlung)

Besonders eindrücklich sind Antonio Ligabues Selbstporträts. Darin kommt er van Gogh am nächsten. Sie offenbaren den ganzen Schmerz des Künstlers und sein Anderssein, aber auch den Stolz auf seinen späten Erfolg. 1953 malt er sich in Motorradstiefeln mit einer roten Moto Guzzi. Insgesamt 15 besass er davon. Er tauschte sie jeweils gegen ein Gemälde.

Ausstellung der Schweizer Van Gogh im Museum im Lagerhaus, St.Gallen, bis 8.9. Umfangreiches Rahmenprogramm.
Publikation zur Ausstellung erschienen bei Skira, 2019.

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