Der Neue kann es doch

Am Zürcher Theater Neumarkt kommt Silvia Tschuis merkwürdiger Heimatroman «Jakobs Ross» erstmals auf die Bühne. Damit zeigt das kleine Theater, wie abstrus die Zeitungsdiskussion über seine Zukunft wirklich ist.

Valeria Heintges
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Miriam Strübel als Magd Elsie und Dominique Jann als Jakob in der Uraufführung von Silvia Tschuis «Jakobs Ross» am Theater Neumarkt. (Bild: Caspar Urban Weber)

Miriam Strübel als Magd Elsie und Dominique Jann als Jakob in der Uraufführung von Silvia Tschuis «Jakobs Ross» am Theater Neumarkt. (Bild: Caspar Urban Weber)

Der Neue hat es nicht leicht. Alle schauen ihm auf die Finger, vergleichen ihn ständig mit dem Vorgänger, der in der Rückschau immer besser wird, als er wirklich war. Und wenn der Neue gar findet, er könne manches anders machen, muss er sehr gut sein, um bestehen zu dürfen.

Dem Kind lief die Nase

Peter Kastenmüller und Ralf Fiedler übernahmen zur Spielzeit 2013/14 das Theater Neumarkt von Barbara Weber und Rafael Sanchez. Sie machten einiges anders, verkündeten etwas zu laut, dass es keinen Jahresspielplan mehr gebe, sondern nur noch einzelne Sektionen nach Themen geordnet, Details dazu würden eher kurzfristig mitgeteilt. Auf dem ersten Themenbüchlein «Offene Stadt» war ein Kind zu sehen, dem unappetitlich die Nase lief. Die ersten Premieren wurden verhalten aufgenommen, die Mundpropaganda funktionierte nicht, jedenfalls brachte sie keine Zuschauer. Das Resultat: ein Desaster. 10 700 Zuschauer, Auslastung 44 Prozent bei 4,6 Millionen Franken Subvention.

Die Zürcher Kulturpolitik, ohnehin mit Querelen um das Literaturmuseum Strauhof und den Hafenkran an der Limmat sehr beschäftigt, jaulte auf, als nach einer Anfrage der FDP-Fraktion im Gemeinderat die Zahlen publik wurden. «Tages-Anzeiger»- Kulturchef Guido Kalberer sah die Chance für eine saftige Kampagne gekommen und stellte das ganze Genre Theater als «unzeitgemässe Kulturform» an den Pranger. Es spiele in der Nische, sei gesellschaftlich irrelevant und könne ohnehin mit «beliebten TV-Serien» nicht mithalten.

Sattsam bekannter Vorwurf

Dazu kam der sattsam bekannte Vorwurf, freie Theater seien kreativer, weshalb Kalberer das Neumarkt-Ensemble auflösen und das Geld freien Gruppen zukommen lassen wollte, um einen «wirklichen Wettbewerb der freien Ideen» zu erhalten.

Der kalkulierte Aufschrei kam mit den Repliken dreier Theatermacher. Das Schauspielhaus Zürich blieb sachlich, wies auf gestiegene Besucherzahlen im eigenen und konstante Zahlen allgemein hin und auf die Tatsache, dass der Übergang zwischen freien Häusern und solchen mit festem Ensemble längst ein fliessender ist, weil viele Künstler da und dort arbeiten. Michel Schröder von der Roten Fabrik belegte Kalberer Fehler in der Rechnung, der die Freie Szene zu billig erscheinen liess. Der Beitrag von Samuel Schwarz von der Gruppe 400 ASA war an Unappetitlichkeit nicht zu überbieten, pinkelte er doch unter Nennung von Namen jedem Theatermacher ans Bein, der ihn im Rennen um Intendantenposten schon überholt hatte.

Zuschauerzahlen verdoppelt

Das Theater Neumarkt arbeitet währenddessen weiter, bringt Martin Heckmanns «Ein Teil der Gans im Haus der Lüge» auf die Bühne. Ein rasantes Vierpersonenkammerspiel um Sein und Schein, Macht und Unterwerfung, das am Ende einen bitterbösen Kommentar gegen die «Festung Europa» abgibt. Ein frischer, hochaktueller und politischer Text, den Simone Blattner mit jungen, sehr guten Schauspielern kongenial inszeniert.

Die Arbeit läuft vor vollem Haus und bringt zusammen mit anderen guten Abenden in der ersten Hälfte der Spielzeit eine Auslastung von 77 Prozent. Gegen 10 700 Besucher im Jahr davor stehen 8200 in sechs Monaten, mithin doppelt so viel wie im Vorjahr und das beste Ergebnis seit fünf Jahren.

Der Trend dürfte sich fortsetzen, denn seit Samstag ist die Uraufführung von Silvia Tschuis Erfolgsroman «Jakobs Ross» zu sehen, die Kastenmüller selbst inszenierte. Und zwar so, dass die Theaterfassung des merkwürdigen Heimatromans, halb als ironischer Schwank, halb als archaische Sage eigenständig und ergänzend neben der Lektüre steht. Jo Schramm hat dafür eine lange, geschwungene Wand aus dunklen Eibenholzelementen gebaut, die sich teilweise in sich selbst drehen lassen. Peter Conradin Zumthor am Schlagzeug und Vera Kappeler am Piano finden Klänge für Elsies genialische Musikalität, setzen Stimmungen um und schaffen Atmosphäre, immer eigenständig, nie platt illustrierend.

Geigenbogen als Peitsche

Dazu kommt das bestechende Spiel von Miriam Strübel, Dominique Jann und Andreas Matti in einer einfallsreichen Regie. Ein in die Unterhose gesteckter Rock zeigt eine Vergewaltigung, der Bogen einer Geige wird Peitsche, Balken vor den Augen, Stricknadel. Tschuis Sprache zwischen Hochdeutsch und Dialekt, die phantastische Erzählung um Verrat, Liebe, Träume und harte Realitäten, das karge Bühnenbild, das genaue Spiel – alles beweist: Der Neue kann es und muss bleiben dürfen.

www.theaterneumarkt.ch