Der Nesslauer Jann Anderegg hat einen Schweizer Filmpreis gewonnen: «Ich fühle mich am Set eher unwohl»

Ausgezeichnet wurde er für die beste Montage des Spielfilms «Baghdad in My Shadow». Als Editor sorgt er dafür, dass aus Kameraeinstellungen ein Kinofilm wird.

David Grob
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Der Nesslauer Jann Anderegg hat einen Schweizer Filmpreis für die beste Montage erhalten.

Der Nesslauer Jann Anderegg hat einen Schweizer Filmpreis für die beste Montage erhalten.

Michel Canonica

Am 23. März zückte Jann Anderegg etliche Male sein Smartphone, etliche Male aktualisierte er die Website des Bundesamtes für Kultur. Und etliche Male war nicht da, worauf er wartete. Und dann tauchte sie plötzlich auf, die Medienmitteilung des Bundes, die ihn zum Gewinner machte. Er hatte es schwarz auf weiss: «Jann Anderegg, beste Montage für ‹Baghdad in My Shadow›». Schweizer Filmpreis 2020, die helvetische Oscarverleihung.

Einige Tage nachdem er von seinem Sieg erfahren hat, steht Anderegg vor dem Eingangsportal zum Friedhof Sihlfeld in Zürich, eine der wenigen öffentlichen Anlagen der Stadt, die noch geöffnet ist und die in der Nähe seiner Wohnung liegt. Anderegg stammt ursprünglich aus Nesslau, lebt heute in Zürich und Berlin. Es ist ein Treffen während der Coronakrise: Man begrüsst sich aus sicherer Entfernung, schreitet in zwei Meter Abstand über den Kies, sucht eine möglichst breite Parkbank, setzt sich an die jeweiligen Enden. Die Sonne wärmt, die Vögel pfeifen, ein Polizeiauto patrouilliert zwischen den Gräbern.

Ein Mann, der lieber im Hintergrund bleibt

Jann Anderegg, Jahrgang 1984, halblange schwarze Haare, die ihm immer wieder ins Gesicht fallen, ist ein Mann, der lieber im Hintergrund bleibt. Er arbeitet als Editor. «Ich mag es, nicht an der Front stehen zu müssen», sagt Anderegg. «Ich fühle mich am Set eher unwohl.» Er ist für jenes filmisches Mittel zuständig, das der durchschnittliche Kinozuschauer wohl am wenigsten wahrnimmt. Kamera, Schauspiel, Regie fallen auf, der Schnitt zeigt sich höchstens in seltenen Momenten, hält aber einen ganzen Film zusammen.

100 Stunden Rohmaterial sichten

Wie sieht die Arbeit eines Editors aus? Nach einem Drehtag erhält Anderegg alles Filmmaterial, wählt aus, gewichtet, schneidet, schafft die einzelnen Bausteine eines Filmes. So entsteht eine Rohfassung – «eine Art Materialschau, die aber noch weit entfernt ist von einem fertigen Film.» Für Anderegg ist dieser Teil seiner Arbeit mehr Pflicht als Lust. «Es braucht viel Disziplin. Es ist eine wichtige, aber anstrengende Arbeit.» 60 bis 100 Stunden Rohmaterial, schätzt der Editor, habe er für «Baghdad in My Shadow» gesichtet. Die Kür folgt danach. Dann, wenn es gilt, die einzelnen Bausteine anzuordnen.

Und worum geht es in dieser zweiten Phase? Jann Anderegg lässt den Blick über die Gräber schweifen, überlegt, bevor er antwortet:

«Im Grunde muss ich herausfinden, was der Regisseur eigentlich will.»

In dieser Phase arbeitet er oft mit dem Filmemacher zusammen, probiert aus, strafft, kürzt. Gerade das Kürzen sei Regisseur Samir oft schwergefallen. «Wir haben ausgiebig diskutiert und haben beide auf unseren Standpunkten beharrt: Ich fand, der Film war zu lang.» Wäre der Film länger geworden, wenn Samir alleine hätte entscheiden können? «Ich glaube schon», sagt Anderegg und lacht sein hohes Lachen, das während des Gesprächs oft zu hören ist und beim Anhören der Aufnahme ansteckend ist.

«Winnetou» weckte einst die Lust am Film

Jann Andereggs Lust am Film wurde durch «Winnetou» geweckt.

Jann Andereggs Lust am Film wurde durch «Winnetou» geweckt.

Michel Canonica

Bereits in seiner Kindheit hat Anderegg geschnitten. «Winnetou» weckte die Lust am Film, er drehte mit Videokamera und Freunden im Toggenburg eigene Filmchen. Geschnitten hat er damals, indem er auf den Aufnahmeknopf drückte, die Position wechselte und wieder aufnahm. Schuss, Gegenschuss, ganz unmittelbar. «Später habe ich gemerkt, dass ich auch mit dem Videoplayer schneiden kann.» Nach der Diplommittelschule folgte ein Filmpraktikum in St.Gallen, eigene Kurz- und erste Langfilme, eine Absage der Zürcher Hochschule der Künste. Und dann die Aufnahme an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg, Fachrichtung Schnitt. Anderegg verliess das Elternhaus in Nesslau.

Über einen Jugendfreund kam Anderegg nach seinem Abschluss zu einer ersten Stelle als Schnittassistenz beim Film «Dora» der Regisseurin Stina Wehrenfels und Frau von Samir. Der eigentliche Editor fiel aus, Anderegg schnitt eine Version der Eröffnungsszene – und bekam den Vertrag als Editor. Der Grundstein war gelegt, weitere Engagements folgten.

Das Warten auf Locarno

Jetzt während der Coronakrise habe er sich zum ersten Mal beim RAV anmelden müssen, erzählt Anderegg. Ein geplantes Projekt musste verschoben werden. Schlimmer wiegt für ihn, dass die Preisverleihung abgesagt wurde. «Oft ergeben sich an einem solchen Abend neue Kontakte. Und allenfalls neue Projekte.»

Er wird auf den August und das Filmfestival Locarno warten müssen, an dem die Preise nun verliehen werden sollen – sofern Corona will.