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53. Ausgabe des Montreux Jazz Festivals: Der Nachwuchs besteigt den Thron

Das Montreux Jazz Festival zeigte die Stars von morgen. Vor allem von Lizzo, Dennis Lloyd und Janelle Monáe wird man mehr hören wollen.
Mathias Haehl aus Montreux
Der Nachwuchs besteigt den Thron am Montreux Jazz Festival (Bild: keystone-sda.ch)Der Nachwuchs besteigt den Thron am Montreux Jazz Festival (Bild: keystone-sda.ch)
Lizzo wirbt für Respekt und Selbstachtung: «Liebe dich selbst!». (Bild: keystone-sda.ch)Lizzo wirbt für Respekt und Selbstachtung: «Liebe dich selbst!». (Bild: keystone-sda.ch)
Der Israeli Dennis Lloyd bot eine umwerfende Show. (Bild: keystone-sda.ch)Der Israeli Dennis Lloyd bot eine umwerfende Show. (Bild: keystone-sda.ch)
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Der Nachwuchs besteigt den Thron am Montreux Jazz Festival

Am Schluss setzt sie sich auf den Thron, der rotgülden auf der Bühne strahlt. Janelle Monáe darf das. Sie hat eben eine Anekdote aus den 60er-Jahren über Aretha Franklin (1942–2018) erzählt, als die Soul-Queen in Montreux sang. Janelle ist deren verdiente Erbin: geadelt von Prince (1958-2016), dem selbst ernannten «sexy Motherfucker» und Funkkönig, gefördert von Quincy Jones, dem kreativen Tätschmeister des Jazz Festivals, seit Gründer Claude Nobs 2013 starb.

Aretha Franklins Geschichte erzählt Monáe so: «Mitten in der Nacht werden viele Leute wach und schauen aus den Fenstern: Am See bejubelt Aretha lautstark Mond und Sterne. Verzaubert vor lauter Glücksgefühlen.»

In Montreux geht vieles

Solche Glücksgefühle dürfte auch Janelle Monáe bei ihrem zweiten Auftritt in Montreux haben: Sie kann alles, sie mixt wie Prince die Stile, ist erst 33 Jahre alt und hat drei tolle Alben gemacht. Alle hängen an ihren Lippen. Der Saal tobt.

Und die Menge teilt sich, als die US-Sängerin – wie einst Moses durchs Meer – zu ihren Fans hinuntersteigen will, die sie zum Niederknien aufgefordert hat. Nick Cave hat das im letzten Jahr vorgemacht, ebenso magisch. Auch weil man nicht glaubt, dass das überhaupt ginge: Denn wenn ein Konzert voll ist und alle stehen, gibt es kaum genug Platz zum Kauern.

Eine Viertelmillion Zuschauer und grosses Wetterglück

250'000 Besucher und mehr als 100'000 verkaufte Tickets an 16 Konzerttagen: Die 53. Ausgabe des Montreux Jazz Festivals war nicht nur künstlerisch überdurchschnittlich erfolgreich. Das schöne Wetter – 15 sonnige Tage – sorgte für viel Rummel an den Gestaden des Genfersees. Dank besten Wetterbedingungen kann eine «Superbilanz» gezogen werden, sagte Festivalleiter Mathieu Jaton, «wir sind mit dem Umsatz über jenem der drei bis vier letzten Jahre». Die Bilanzen seien ausgeglichen. Wegen des guten Wetters hätten die Verkäufe von Essen und Getränken die Erwartungen übertroffen. Das Festival sagt: «Wir waren von Gott gesegnet.» Dies sollte «einen kleinen Mangel» bei den Ticketverkäufen kompensieren. Pressechef Marc Zendrini sagte: «Der Ticketverkauf machte 15 Prozent des Gesamterlöses aus – deutlich mehr als in den Vorjahren.» (chm)

Doch wo ein Wille, da ein Weg. Und in Montreux geht vieles, weil: Das Jazz Festival ist einzigartig. Stars erstarren in Ehrfurcht und bedanken sich für die Ehre. So auch Shooting-Star Lizzo (31), die mit vier Tänzerinnen und einer Soundregisseurin am DJ-Pult für Janelle Monáe anheizte. Die pfundige Wuchtbrumme sagte:

«Ich hätte nie erwartet, meinen grossen Hintern mal an ein Jazz-Festival zu schleppen. Jazz? Wo ist nur mein Saxofon? – Well, mein Hintern ist mein Saxofon!»

Lizzo sang und rappte frech und gab viel Trost: Wie Janelle Monáe ist sie eine singende Frauen- und Schwarzenrechtlerin, die ihren Schmerz durch Sexismus und Rassismus zu Plädoyers für Selbstachtung erhöht. Es waren grosszügige Umarmungen für die vielen jungen Frauen.

Drei Abschiede und Tom Jones in Hochform

Montreux ist auch beliebt, wenn etablierte Musiker grosse Abschiede im kleinen, während 50 Wochen im Jahr verschlafenen ehemaligen Kurort feiern: Elton John (72) und Joan Baez (78) sagten hier rührend «Farewell». Anita Baker mühte sich mit ihren vergleichsweise jungen 61 Jahren auf Bye-bye-Tour eher ab: Die Soullegende brachte kaum die Hälfte der Energie auf wie am Vorabend der 18 Jahre ältere Tom Jones. «The Tiger» war so gut drauf wie noch nie.

Ja, die Grossen laufen hier regelmässig zu Grossform auf. Aber wir wollen vom Nachwuchs berichten, und da bietet Montreux immer wieder Plattform. Für Jungle etwa, diese Partyband im Stil von Earth, Wind & Fire, nur ohne Wind: Die Bläser werden hier durch drei Keyboards ersetzt – äusserst reizvoll. Oder Apparat des Berliner Autodidakten Sascha Ring sowie das belgische Hip-Hop-Duo Blackwave, die beide einen magischen Tanzsog kreierten. Der viel gepriesene Lewis Capaldi (22) ist zwar ein starker Sänger, aber ein schwacher Unterhalter: Hier hat der Schotte noch Luft nach oben. Der zerbrechlich wirkende Italiener Mahmood (26) hingegen betörte mit seiner melancholischen Engelsstimme. Mit seinem «Soldi»-Song gewann er das Festival in San Remo und wurde am Eurovision Song Contest Zweiter. Zu Recht.

Oder der Israeli Nir Tibor (26) alias Dennis Lloyd, dessen Pseudonym schon klingt wie eine sichere Bank: Umwerfend, was der singende, rappende, mal Gitarre oder auch Trompete spielende und dann intelligente Loops legende Tibor mit seinem Poptrio leistete. Als Anheizer für den bestandenen Rag ’n’ Bone Man, der mit «Human» einen der grössten Hits der Neuzeit hatte, brauchte er den Vergleich nicht zu scheuen.

Das Schlusswort sei der derzeit berückendsten Jazzsängerin gegönnt. Melody Gardot (34) war mit armenischen Streichern angetreten, die sie in ihrer Zartheit förmlich beflügelten. Sie sagte:

«Jazz is only a four letter word – you can do whatever you want.»

Frei übersetzt: Jazz sei wie ein anzügliches (Fluch-)Wort – damit lasse sich alles Denkbare machen.

Jazz findet vor allem im Rahmenprogramm statt

Für alles Denkbare ist und bleibt Montreux der beste Beweis: Die einen steigen hier auf den Thron, die anderen gehen ab – alle mit Lächeln und grossem Applaus. Und Jazz gibt’s wenigstens an den frei zugänglichen Workshops, Talentschuppen sowie kreativen Jamsessions bis weit in die Morgenstunden hinein. Das wollen wir, bitte schön, noch lange nicht missen.

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