Der Mysterienspieler

HÖRBAR JAZZ

Tom Gsteiger
Drucken
Teilen
Bild: Tom Gsteiger

Bild: Tom Gsteiger

HÖRBAR JAZZ

Oft bewegt sich diese gleichermassen faszinierende und verstörende Klaviermusik an der Grenze zum Verstummen. Manchmal hat man das Gefühl, jemand habe sich in einem Labyrinth verirrt und finde nicht mehr heraus. Vieles bleibt rätselhaft. Der Pianist Masabumi Kikuchi, der 1939 in Tokyo auf die Welt kam und 2015 in der Nähe von New York verstarb, war ein Solitär unter den Pianisten des Jazz. Im Laufe der Jahre wurde seine Klangsprache immer abstrakter, radikaler und persönlicher. Der einzige Bandleader, der es verstand, die widerborstige Einzigartigkeit des späten Kikuchi in einen kollektiven Kontext zu integrieren, war Nonkonformist Paul Motian. Nun liegt ein Mitschnitt eines Solo-Rezitals vor, das Kikuchi 2012 in seiner Geburtsstadt gab – sein allerletztes Solo-Rezital überhaupt! Zu neun frei improvisierten Stücken, die aus dem Nirgendwo zu kommen scheinen, gesellen sich eine tieftraurige Meditation über die melancholische brasilianische Bossa-Nova-Melodie «Black Orpheus» und Kikuchis Ballade «Little Abi».

Masabumi Kikuchi, «Black Orpheus», ECM 2459

Die Mysterienspieler

Der 1943 geborene Schlagzeuger Günter Baby Sommer und der 24 Jahre jüngere Saxophonist Johannes Enders haben sich bisher in unterschiedlichen Kreisen bewegt. Der Sachse Sommer zählte zu den charismatischen Figuren der DDR-Avantgarde und blieb nach der Wende ein gefragter Mann. Der Bayer Enders ist im progressiven Postbop ebenso bewandert wie in Electronica-Gefilden. Mit einer äusserst abwechslungsreichen Duo-CD beweisen sie nun, dass es zwischen ihren musikalischen Visionen durchaus viele Berührungspunkte gibt: Beide gehen zum Beispiel sehr bewusst und subtil mit Klängen um, wobei sie das Archaische mit dem Raffinierten zu kombinieren verstehen. Während sich einige Stücke nah an die swingende Jazz-Tradition anschmiegen, bewegen sich andere auf mal verträumte, mal grüblerische Weise weit davon weg. Enders geht es um das «unaufgeregte Finden von Gegenpositionen zur Hektik der Zeit». Es ist nicht zuletzt diese Unaufgeregtheit, die diese Musik so aufregend macht.

Johannes Enders & Günter Baby Sommer, «Sources», Moderntunemusic

Bild: Tom Gsteiger

Bild: Tom Gsteiger