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Der musikalische Gipfelstürmer

In Rorschach trifft 1849 ein steckbrieflich Gesuchter ein, dessen Werke die Musik revolutionieren. Lange werden seine Opern in St. Gallen gepflegt – vor allem «Lohengrin».
Rolf App
Nicht nur 1902 wurde der «Lohengrin» in St. Gallen gespielt.

Nicht nur 1902 wurde der «Lohengrin» in St. Gallen gespielt.

Deutschland ist ein Flickenteppich aus Kleinstaaten, und das ist Richard Wagners Glück. In Dresden hat der Kapellmeister und Komponist tatkräftig und mit glühenden Worten die Revolution unterstützt (und dabei nicht von der Volksherrschaft, sondern von einem Volkskönigtum geträumt), jetzt wird er steckbrieflich gesucht – und entschlüpft nur durch einen Zufall. Zuerst geht es nach Weimar, zu Franz Liszt, und der besorgt ihm Geld und einen falschen Pass. Mit dem reist Wagner nach Süden, kann die Grenze bei Lindau passieren und am 28. Mai 1849 das Dampfschiff nach Rorschach besteigen.

Wie Richard Wagner im Schnellgang Schweizer wird

Rasch geht es weiter nach Zürich, wo er bei Alexander Müller klingelt, einem Musiklehrer und Zechkumpan aus früheren Zeiten, und der kennt die Staatsschreiber Dr. Jakob Sulzer und Franz Hagenbuch – die dem Flüchtigen aus purer Sympathie einen schweizerischen Pass ausstellen mit der Grössenangabe: 5 Fuss, ¹/2 Zoll oder umgerechnet 166,5 Zentimeter.

Das ist die einzige Grössenangabe, die wir von einem Mann haben, der sich selber für den Allergrössten hält. Und der in Deutschland ein Werk zurücklässt, das diese Grösse ahnen lässt, und das heute Abend zum ersten Mal seit 1912 (!) am Theater St. Gallen erklingt: Die romantische Oper «Lohengrin» muss am 28. August 1850 ohne ihren Schöpfer in Weimar uraufgeführt werden; Richard Wagner sitzt derweil zusammen mit der inzwischen auch eingetroffenen Ehefrau Minna in Luzern und dirigiert mit – bezeichnenderweise im Gasthof Zum Schwanen. Fast zehn Jahre verbringt er in der Schweiz und ist ein leidenschaftlicher Wanderer, eine dieser teils recht gefährlichen Touren führt ihn auch zusammen mit zwei Freunden auf den Säntis.

«St. Gallen war relativ früh dabei mit Wagner»

«Drei Tage, nachdem er durch Nebel und Schneeflocken marschiert war, komponierte Wagner den <Walkürenritt>», vermerkt sein Ururenkel Antoine Wagner. Er hat zum 200-Jahr-Jubiläum von Wagners Geburtstag den Schweizer Aufenthalt in eindrucksvollen Bildern eingefangen, die jetzt in einer kleinen Ausstellung im Theater St. Gallen zu sehen sind. Dort sitzt Marius Bolten, der Musikdramaturg, der den St. Galler Wagner-Bezug erforscht hat und seinen Protagonisten bestens kennt, weil er bis vor kurzem sieben Jahre lang in Bayreuth gearbeitet hat.

Hans von Bülow, Wagners Freund, dirigierte am Theater St. Gallen eine Saison lang. 1859 wird der «Tannhäuser» als erstes Wagner-Werk hier aufgeführt. «St. Gallen war vielleicht nicht die Speerspitze in der Schweiz. Aber es war schon relativ früh dabei, als Wagner gerade anfing, sich durchzusetzen», stellt Marius Bolten fest. Bis zum Ersten Weltkrieg hält diese Wagner-Konjunktur an, dann bricht sie mit der Stickereikrise ab. Danach sind weniger aufwendige Operetten angesagt. Die grosse Oper ist da kein Thema mehr. Zuvor aber werden alle Wagner-Opern bis auf den urheberrechtlich noch geschützten «Parsifal» in St. Gallen gespielt, im Schnitt jedes Jahr eine. Total 160 Aufführungen verzeichnet eine 1951 erstellte Übersicht. «In der Spielzeit 1908/09 hatte man hier Sänger im Ensemble, die eine Brünnhilde oder einen Wotan gesungen haben – anders als heute, wo man ganz allgemein die grossen Partien mit Gästen besetzt.»

«Lohengrin» und seine Botschaften

An der Spitze steht mit 44 Aufführungen der «Lohengrin». In ihm verknüpft Richard Wagner die mittelalterliche Lohengrin-Sage mit märchenhaften Elementen – und mit einer politischen Botschaft. Denn da spielt sich nicht nur eine simple Mann-Frau-Geschichte ab, sondern Lohengrin wird mit schmetterndem Blech zum Retter des deutschen Reiches gegen den Feind aus dem Osten hochgejubelt. Das hat den Nationalisten späterer Jahrzehnte bis hin zu den Nationalsozialisten gut gefallen, ist aber durchaus aus dem politischen Klima von Wagners Zeit zu verstehen, in der fortschrittliche Kreise von einem Nationalstaat träumen.

Allerdings, sagt Marius Bolten, «für die Handlung ist diese politische Ebene nebensächlich. Da geht es auch ums Persönliche – und auch um ihn persönlich, wie immer bei Wagner. Tannhäuser oder Lohengrin, das ist immer auch er.» Auch sein Frauenbild findet in «Lohengrin» seinen Niederschlag. «Ausgerechnet die Frau – Elsa – soll vertrauen und Lohengrin keine Fragen stellen. Darauf lässt sie sich ein, hält es aber doch auf die Länge nicht aus. Und Ortrud, die politisch aktive, selbstbewusste Frau, wird prompt als Hexe dargestellt.»

Wagner ist nicht nur Komponist, er ist auch Textdichter. Marius Bolten, der gerade an den Übertiteln arbeitet, hat beobachtet, dass Lohengrin und Elsa sauber in Versen reden, Ortrud und Telramund aber einander ständig ins Wort fallen. «Das ist genial.» Ebenso genial wie die Musik, die Personen, Situationen und psychologische Entwicklungen mit Motiven, Tonarten und sogar bestimmten Instrumenten verknüpft. So entsteht ein faszinierendes Klanggewebe, das den Zuhörer mitzieht und ihn Zeit und Ort vergessen lässt. Ein Meisterwerk, das zu Unrecht in St. Gallen derart lange nicht erklungen ist.

Der von Richard Wagner bestiegene Säntis, fotografiert von seinem Ururenkel Antoine Wagner, dessen Bilder im Theater St. Gallen auch zu sehen sind. (Bild aus: Antoine Wagner: Wagner in der Schweiz, Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2013)

Der von Richard Wagner bestiegene Säntis, fotografiert von seinem Ururenkel Antoine Wagner, dessen Bilder im Theater St. Gallen auch zu sehen sind. (Bild aus: Antoine Wagner: Wagner in der Schweiz, Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2013)

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