Der Mist am Sprachschuh

Stadt und Land, so haben wir am letzten Wochenende gelernt, verhalten sich zueinander wie die Armeewaffe und die scharfe Munition: Sie gehören nicht zusammen.

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Legende (Bild:)

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Stadt und Land, so haben wir am letzten Wochenende gelernt, verhalten sich zueinander wie die Armeewaffe und die scharfe Munition: Sie gehören nicht zusammen. Zumindest wenn man den einen glauben will, besteht die Schweiz aus zwei Hälften, ländlich und städtisch, dazwischen klafft der Hüsligraben, ein Wertegraben. Andere halten den Graben für eine Behauptung.

Schauen wir also sprachgeschichtlich in den Graben. In ihm steckt ein gemeingermanisches Wort, im Englischen als grave oder auch groove bekannt. In der Nähe liegt das Grab, die Grube und die Gruft, aber auch Gracht, Garbe oder grübeln.

Forschen und wühlen

Intensiver gegrübelt, taucht eine indogermanische Wurzel auf: ghrebh, «greifen, raffen, an sich reissen» – Tätigkeiten, die es landein wie stadtaus gibt.

Aus einer ähnlichen indogermanischen Wurzel: perk, «wühlen», ist die Furche entstanden, gutes altes Landwort. Wer hier weiterwühlt, kommt unversehens zum Ferkel, lateinisch porcus. Daraus hat sich, über die Vorstellung des Wühlens, das Forschen und Bedeutungen wie «suchen, fragen, bitten» entwickelt. Ferkel und Forscher: das klassische ländlich-städtische Wühlduo.

Und von dieser Furche haben wir uns auch schon fast bis zur Frage vorgegraben, die mit lateinisch precari zusammenhängt. Da wird's jetzt prekär: frag-würdig. Falls die Waffen-Initiative in den Städten angenommen worden wäre, gäbe es in der ganzen Ostschweiz genau zwei Städte: St. Gallen und Trogen – die einzigen Gemeinden mit einer Ja-Mehrheit.

Dafür zieht sich, wenn man die Ergebnisse der Ausserrhoder Lastenausgleichs-Initiative zum Vergleich herbeizieht, eine Stadt-Land-Furche, ein Südworscht-Graben längs durchs Land: 10 «urbanere» Gemeinden sagten Ja, 10 «ländlichere» Nein. Das gleiche Phänomen gab es beim gleichen Thema in Baselland.

Tiefe Sprachfurchen

Diese Furchen gilt es politisch erst noch zu erforschen; das Resultat könnte ein Verständnis der Dorfstadt Schweiz sein, das sich allzu voreiligen Stadt-Land-Klischees entzieht.

Denn siedlungsgeographisch sind wir Halbstädter; sprachgeschichtlich aber – da unser Wortschatz zur Hauptsache aus agrarischer Zeit stammt – sind und bleiben wir allesamt Bauern.

Peter Surber