Der missverstandene Netzkritiker

Der US-amerikanische Informatiker und Schriftsteller Jaron Lanier wird mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Die Wahl ist auf den ersten Blick mutig, wirft jedoch einige Fragen auf.

René Rödiger
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Internet-Guru, Avatar-Miterfinder und Zukunftskritiker: Jaron Lanier ist eine widersprüchliche Person. (Bild: getty, Montage: Marion Oberhänsli)

Internet-Guru, Avatar-Miterfinder und Zukunftskritiker: Jaron Lanier ist eine widersprüchliche Person. (Bild: getty, Montage: Marion Oberhänsli)

«Jaron Lanier hat als Pionier der digitalen Welt erkannt, welche Risiken diese für die freie Lebensgestaltung eines jeden Menschen birgt», heisst es in der Begründung des Börsenvereins, der den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleiht. Lanier weise auf die Gefahren hin, die unserer Gesellschaft drohen, wenn ihr die Macht der Gestaltung entzogen wird und wenn Menschen auf digitale Kategorien reduziert werden. Weiter schreibt der Börsenverein, dass Laniers jüngstes Buch «Who Owns the Future» ein Appell sei, wachsam gegenüber Unfreiheit, Missbrauch und Überwachung zu sein.

Das tönt gut. Und wäre sicher auch preiswürdig. Wenn es denn so wäre. Denn Jaron Lanier macht sich in seinem neusten Werk in keiner Weise für den Datenschutz oder die Menschenrechte stark. Vielmehr fordert der 54-Jährige, dass Firmen zwar beliebig Daten über die Nutzer sammeln dürfen, die User jedoch dafür bezahlt werden sollen. Lanier mag das Netz in seiner heutigen Form vielleicht kritisieren, nur leider nicht in der Art, wie es sich der Börsenverein wünscht.

Typische Internet-Karriere

Lanier hat seit den frühen 1980er-Jahren in der Computer- und Internet-Industrie eine steile Karriere hingelegt – und für dieses Betätigungsfeld auch eine sehr klassische. Als Schulabbrecher durfte er trotzdem zu Informatikvorlesungen einer Universität und wurde danach von Amiga angestellt. Später gründete er zusammen mit einem Partner die Firma VPL Research. Ab 1992 widmete sich Lanier vermehrt der Musik und trat mit Künstlern wie Philip Glass und Yoko Ono auf. Von 1997 bis 2001 war er an der Entwicklung des «Internet2» beteiligt, ein System, das Universitäten untereinander besser verbinden sollte und wenig mit dem heutigen Internet zu tun hat.

Lähmende Zukunftsvisionen

Erst seit dem neuen Jahrtausend hat sich Lanier auch als Autor einen Namen gemacht. Bereits sein erstes Buch «One-Half of a Manifesto» (2000) sorgte für Kontroversen. Er widersprach darin der Theorie des Technikvisionärs Ray Kurzweil, welche voraussieht, dass die Menschen dereinst als biologische Computer bezeichnet werden. Kurzweil ist im Gegensatz zu Lanier überzeugt, dass Computer irgendwann den Menschen ablösen werden. Lanier schrieb, dass die von Kurzweil beschriebene graue Zukunftsvision die Menschen lähme, die Paradigmen des sich selbst erfüllenden Schicksals zu bekämpfen.

In den darauffolgenden Jahren machte sich Lanier einen Namen als «Internet-Kritiker» und «digitalen Pessimisten». Dafür wäre er als Involvierter natürlich prädestiniert und besonders glaubwürdig. Wenn er denn seinen eigenen Forschungszweig, die Virtual Reality, nicht ausnehmen würde.

Ein Leben für «Virtual Reality»

Seit Lanier 1985 die Firma VPL Research gründete, kämpft er für den kommerziellen Durchbruch der Virtual Reality, einer Technik, die vom Computer simulierte Wirklichkeit mit Hilfe technischer Ausrüstung erfahrbar macht. Was hier nach einem Vorläufer des Internets tönt, und vom Börsenverein auch so verstanden wird, war zu jener Zeit jedoch nur Software, eine 3D-Brille und dazugehörige Datenhandschuhe. Virtual Reality war im wahrsten Sinne des Begriffes eine virtuelle Realität. Im Gegensatz zum Internet, das mit virtuell nicht mehr viel zu tun hat. Hier gibt es reelle Firmen, Geld wird verdient, Kultur verbreitet. Die Firma VPL Research ging 1990 in Konkurs. Gerne lässt sich Lanier als Erfinder des Begriffs «Virtual Reality» feiern. Allerdings kam der Begriff schon viel früher in der Science-Fiction-Literatur vor. Erst in den 1990er-Jahren wurden mangels eines besseren Ausdrucks die Virtual Reality und der Cyberspace zu Synonymen für die Erwartungen an das noch junge Medium World Wide Web.

Dennoch hält Lanier an seiner Mission fest: Bis heute erhofft er sich einen Durchbruch der Virtual-Reality-Technologie, wie er sie in den 80er-Jahren verstand. Nicht zuletzt deshalb wurde er 2009 mit dem «Virtual Reality Career Award» der IEEE, dem weltweit grössten Berufsverbandes für Ingenieure, ausgezeichnet. In seiner Biographie bezeichnet Lanier den Preis als «Lifetime Career Award».

Kommunikation ohne Schrift

Trotz all dieser Widersprüche ist der Einfluss Laniers auf das moderne Leben und das World Wide Web unbestritten. Er gehört zu den wichtigsten Denkern zum Umgang mit der digitalen Welt und hat als Microsoft-Angestellter 2006 an der Entwicklung von Kinect mitgewirkt, dem System, mit dem sich Spielkonsolen per Körperbewegungen steuern lassen. Zudem hat Lanier den Begriff des Avatars populär gemacht, einem computerisierten Stellvertreter des menschlichen Körpers.

Und da wären wir bereits wieder beim Problem mit der Auszeichnung des deutschen Buchhandels: Lanier beschäftigt sich in erster Linie mit Computern und der Möglichkeit, diese von der Sprache oder Schrift loszulösen. In seinem vielbeachteten Buch «You Are Not A Gadget» von 2010 bezeichnet er die Schrift und die Sprache als «postsymbolische Kommunikation». Die Schrift und ihre Bedeutung solle in einen «gestisch-tänzerischen Fluss geraten».

Kritik an der Masse

Lanier machte sich in den letzten Jahren vor allem als Kritiker von Community-Projekten wie Wikipedia einen Namen. Er bezeichnet solche Projekte als «wertlose Durchschnittsmeinung einer anonymen Menschenmasse», da sie keine neuen Ideen hervorbringen würden. Innovation gibt es für ihn nur durch Individualisten. Die Open-Source-Bewegung bezeichnet er als «digitalen Maoismus».

«Wenn wir glauben, dass das Internet selbst ein Wesen ist, das etwas zu sagen hat, dann vermindern wir die Leistung jener Leute, die wirklich Inhalte kreieren, und machen uns selbst zu Idioten», schreibt Lanier in seinem Essay «The Hazards of the New Online Collectivism» von 2006. Lanier verurteilt nicht das Internet oder neue Techniken, er glaubt einfach nicht, dass diese wirklich einen Fortschritt gebracht haben. Er wünscht sich einen radikaleren Wandel und gleichzeitig die Rückkehr des «Erschaffers» und des «Künstlers» – des klassischen Autors.

Zeichen der Versöhnung

Warum also wird einer wie Jaron Lanier mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet? Der Preis wird an Personen vergeben, «die in hervorragendem Masse vornehmlich durch ihre Tätigkeit auf dem Gebiet der Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen haben». Insofern ist es bemerkenswert, dass erstmals ein Vertreter der digitalen Welt mit diesem Preis ausgezeichnet wird. Es ist ein vermeintliches Zeichen der Öffnung des nicht gerade für Innovation bekannten Buchhandels gegenüber den Neuen Medien. Ein Zeichen der Versöhnung.

Man kann die Ehrung für Lanier durch den Buchhandel aber auch weniger freundlich interpretieren: Der US-Amerikaner ist ein Netz-Guru, der das moderne World Wide Web auf dem Holzweg sieht. Der sich dagegen sträubt, dass Internet-Nutzer ihr Wissen gratis weitergeben. Der sich die gute alte Zeit zurückwünscht. Ein bisschen also wie der Buchhandel.