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Schriftsteller Wolf Wondratschek: «Schreiben ist nichts für Leute, die Angst haben»

Jahrzehntelang kultivierte der deutsche Schriftsteller Wolf Wondratschek von sich das Bild des ungestümen Prosa-Pistoleros. Nun wird er 75 und zeigt sich im Spätwerk als hellsichtiger Meistererzähler.
Peter Henning
Schriftsteller Wolf Wondratschek: «Literatur spricht aus, was Scham geheim hält.» (Bild: Andreas Pein/Laif (Berlin, 19. Februar 2016))

Schriftsteller Wolf Wondratschek: «Literatur spricht aus, was Scham geheim hält.» (Bild: Andreas Pein/Laif (Berlin, 19. Februar 2016))

«Schreiben ist nichts für Leute, die Angst haben! Zum Beispiel vor der Einsamkeit. Oder davor, eins auf die Fresse zu bekommen.» Mit diesem kämpferischen Pathos beschrieb der deutsche Schriftsteller Wolf Wondratschek schon 1977 sein Berufsbild.

«Ich setze aufs Einzelgängertum. Denn der Einzelgänger ist einer, der das totale Empfinden sucht.»

Für sein eigenes Schreiben gilt unverändert: keine Tricks, kein Firlefanz, höchstes Risiko – alles auf Rot. Sieg oder Niederlage! Kein Dahindümpeln im lauen Bad der Sätze! Passend dazu finden sich in seiner 1987 erschienenen Reportage- und Story-Sammlung «Menschen Orte Fäuste» Fotografien, die den Faustkampf-Fan gemeinsam mit den Box-Weltmeistern Max Schmeling, Rocky Graziano und Pinklon Thomas zeigen. Schon immer suchte Wondratschek die Nähe zu den Grössten – im Boxen wie im Schreiben. Seine Götter heissen bis heute Malcolm Lowry, Henry Miller und Muhammad Ali.

Er brennt mit seinen Sätzen Löcher in Damenherzen

Sein erster längerer Prosaband «Früher begann der Tag mit einer Schusswunde» erschien 1969. Es folgten die Gedichtbände «Männer und Frauen» und «Das leise Lachen am Ohr eines anderen». Im Anschluss daran Romane, Erzählungen, Hörspiele, Songtexte und viel beachtete Box-Reportagen für die grossen deutschen Boulevardblätter jener Jahre.

Wolf Wondratschek, 1943 im thüringischen Rudolstadt geboren, war angesagt – und kultivierte jahrzehntelang das Bild vom elitären Münchner Dachstubendichter, der mit seinen Sätzen den Damen Löcher in die Herzen brennt, niemals schläft und seine Sätze mit Vorliebe aus der Hüfte abfeuert. Bis ihn Mitte der Neunzigerjahre der Überdruss am bis zum Geht-nicht-mehr reproduzierten Selbstbild packte, und er 1998 nach Wien übersiedelte.

Und dort stellte sich das ein, was er heute im Rückblick «Die Grosse Beruhigung» nennt: ein Rollen- und Standortwechsel, der ihm neue schreiberische Möglichkeiten eröffnete. Es erschienen die Erzählbände «Die grosse Beleidigung» und «Saint Tropez», gefolgt von der Satire «Mozarts Friseur» und dem Lyrik-Zyklus «Tabori in Fuschl».

«Es ist ein harter Job, bei Verstand zu bleiben»

Und nun, pünktlich zum 75. Geburtstag, hat er ein neues Buch vorgelegt. Es trägt den Titel «Selbstbild mit russischem Klavier» – und zeigt ihn als einen Schriftsteller, der endgültig losgelöst scheint von jeder Strenge, der altersluzide geworden ist – und im Ausdruck geradezu schlafwandlerisch genau.

Doch worum geht es? Zwei Männer sitzen in einem Wiener Kaffeehaus beisammen – der eine Schriftsteller, der andere ein ehemaliger, vom Alter bereits erkennbar angenagter Pianist namens Suvorin. Sie reden und legen ihre Erinnerungen voreinander aus – wie zwei betagte Witwen ihre Patiencen. Ein Wort gibt das andere, und Suvorin breitet vor dem Schriftsteller sein Leben aus, erzählt vom Unfalltod seiner Frau – der Liebe seines Lebens – oder vom letzten Sehnsuchtsort San Remo. Und weshalb er am Ende nur noch spielen konnte, wenn das Applaudieren verboten war.

Suvorin spielt dem Schriftsteller ein letztes wehmütiges Adagio und wir Leser sind hingerissen von so viel lebenskluger Offenbarungslust. «Selbstbild mit russischem Klavier» entrollt noch einmal auf mitreissende Weise die Legende vom gefallenen Künstler, den nach der Liebe auch die Inspiration verlassen hat. Denn es ist Suvorins abschliessende Lebensmutprobe, zu deren Zeuge Wondratschek uns macht.

Und man fragt sich: Müssen wir dieses Sich-mit-allem-und-jedem-Befassen für einen Akt der Verzweiflung halten? Die Antwort lautet: Aber nein, es ist ein letztes Haschen mit Worten nach dem Vergangenen; der Versuch, den Strom der Zeit kurz anzuhalten.

Und unverändert gilt dabei, was Wondratschek für sich einmal so formulierte:

«Literatur spricht aus, was Scham geheim hält. Und die Kunst ist nichts anderes als eine bedingungslose Lebensanstrengung. Es ist ein harter Job, bei Verstand zu bleiben. Welch eine Stärke braucht es, die Seele zu retten?»

Nun, mit 75, hat er es nochmals allen gezeigt: mit einem hinreissenden Künstler­roman nach Art des Testaments. Einem Buch, um dessentwillen dieser Autor möglicherweise seit nunmehr fünfzig Jahren schreibt und schreibt.

Wolf Wondra­tschek: Selbstbild mit russischem Klavier. Ullstein-Verlag, Berlin, 272 S., Fr. 31.–

Wolf Wondra­tschek: Selbstbild mit russischem Klavier. Ullstein-Verlag, Berlin, 272 S.,
Fr. 31.–

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